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Banken

Alles offen? Die Zukunft von Open Banking

Für Kunden werden Finanzgeschäfte einfacher und übersichtlicher. Die Banken müssen sich dafür stark wandeln.
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© Photo by Thiébaud Faix on Unsplash
18.12.2020

Alle Konten verschiedener Kreditinstitute in einer App – das bringt Übersicht für die Nutzenden. Doch das ist nur eine Anwendung, die Open Banking möglich gemacht hat. Aus Kundensicht öffnen sich neue anbieterübergreifende Möglichkeiten. Doch Banken könnten einen disruptiven Sog erleben, wenn sie den Anschluss verlieren.

Durch die standardisierte und gesicherte Öffnung von Bankdaten an Drittanbieter (Open Banking) ist ein Wettlauf um smarte Anwendungen gestartet, und alle mischen mit: die Fintechs, die Banken und die großen IT-Player. Einen weiteren Schub hat die Corona-Krise gegeben, die die Digitalisierung und insbesondere neue Payment-Ideen getrieben hat. Ob bei Customer Experience, den Kosten oder in der Produktentwicklung: Open Banking bietet allen Beteiligten neue Möglichkeiten. Für die Banken bedeutet das: Sie müssen sich einmal mehr neu erfinden und jetzt schnell die technischen Voraussetzungen und strategischen Partnerschaften implementieren, um nicht den Kontakt zum Kunden zu verlieren. Wer jetzt nicht ins Rennen einsteigt, bleibt auf der Strecke.

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Neue Ideen für bequeme Finanzapplikationen

Seit in Europa am 14. September 2019 die zweite Zahlungsdiensterichtlinie (PSD2) in Kraft getreten ist, müssen Banken offene Schnittstellen (Application Programming Interfaces oder kurz APIs) bereitstellen. Über diese können von den Aufsichtsbehörden anerkannte Dritte Zugang auf Kontodaten erhalten und darauf aufbauende Services anbieten, wenn die Kontoinhaber und -inhaberinnen einverstanden sind. „Open Banking ist kein vereinzelt auftretendes Phänomen, sondern ein globaler Trend, der überwiegend durch regulatorische Rahmenbedingungen auf den Weg gebracht wurde“, schreibt die Beratungs- und Prüfungsgesellschaft KPMG.

Für den Bankkunden bedeutet das mehr Bequemlichkeit und neue Anwendungen. Alle Konten – auch bei verschiedenen Banken – können in einer App verwaltet werden. Eine andere App könnte die Überwachung des Girokontos steuern: Gerät dieses ins Minus, wird automatisch eine Umbuchung vom Sparbuch oder Festgeld ausgelöst. Dann fallen keine Überziehungszinsen an. Analyse-Services für Depots, neue KI-gesteuerte Kommunikationsmöglichkeiten – es entsteht eine völlig neue Welt an modularen und konfigurierbaren Finanz-Applikationen.

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Der Wandel ist im vollen Gange

Für Banken stellt sich die Frage: Wie partizipieren? Wenn Drittanbieter wie Fintechs oder auch Unternehmen wie Amazon und Google Zahlungen oder Finanzierungen durchführen können, laufen Banken Gefahr, zu einem reinen Zahlungsverkehrdienstleister zu schrumpfen. Sie können sich aber auch zu Finanzplattformen entwickeln, die mit eigenen und fremden Produkten ein neues Kundenerlebnis kreieren. Die meisten Finanzinstitute in Europa haben den Glockenschlag gehört. Der Median der Ausgaben für Open Banking in Europa liegt im Jahr 2020 bei 50 bis 100 Millionen Euro je Institut, berichtet die Open-Banking-Plattform Tink in ihrem Whitepaper „The investments and returns in open banking“ (2020).

Strategisch betrachtet ist Open Banking weniger Banking als Netzwerkökonomie bzw. Plattformökonomie, weshalb sich auch der Begriff Plattform-Banking herausgebildet hat. Das ist vergleichbar mit der Entstehung von Google oder Amazon, und genau hier liegt eine Herausforderung für die Banken: Solche Plattformen laufen auf lange Sicht Gefahr, durch Netzwerkeffekte die großen Banken zu begünstigen und damit die Bildung von Monopolen und Oligopolen. Torge Ruge, Plattformspezialist von Fiducia & GAD, nennt dazu Zahlen: „Amazon hält zehn Prozent Anteil bei Baumarktartikeln in Deutschland, 20 Prozent beim Buchhandel und 40 Prozent bei den Hörbüchern.“ Noch eindrucksvoller sieht es bei einem anderen Geschäftsfeld aus: „Über 50 Prozent der weltweiten Cloud-Ressourcen werden von Amazon zur Verfügung gestellt.“

Der Erfolg solcher Geschäftsmodelle ist allerdings unbestreitbar, sind doch einige der weltweit größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung nach diesem Muster gestrickt. Wer andere in sein eigenes Netzwerk aufnimmt und es so vergrößert, verhindert das Wachstum der Konkurrenz und verbreitert das eigene Angebot. Die Erfolgsstory von Ebay oder Amazon ist auch im Finanzsektor denkbar. Die wertvollste Firma der Branche ist Visa, mit Kreditkartenanbieter inzwischen nur noch unzureichend umschrieben, das „ein klassisches, globales Plattform-Geschäftsmodell“ hat.

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Die Finanzindustrie formiert sich: Die Fintech-Branche wächst rasant, Plattformbanken wie Fidor Bank oder Solarisbank haben sich positioniert und die großen Geldinstitute steigen gerade massiv ein. Neben Eigenentwicklungen betreiben sie White Labeling von Anwendungen, also die unauffällige Nutzung fremder Applikationen unter eigenem Markendesign. Außerdem akquirieren sie Fintech-Unternehmen und streben Partnerschaften und Kooperationen an. So hat etwa die Deutsche Bank Kooperationen oder Beteiligungen an der Finanzierungsplattform Traxpay, dem Zinsmarkt Deposit Solutions, der Family Office Pattform QPLIX oder dem amerikanischen Zahlungsverkehrsdienstleister ModoPayments – und einige weitere.

Banken in der Pole Position

Im Wettlauf um den Kunden sind die Banken in einer hervorragenden Position: Sie verfügen über eine einzigartige Datenbasis über die Nutzenden und ihre Transaktionen. Dazu kommt ein großer Vertrauensvorsprung und – gerade bei den Älteren – eine bestehende Kundenbindung. Darauf lässt sich aufbauen. Ein weiterer Punkt ist ihre Beratungsexpertise, die sie gerade bei Finanzierungen ausspielen können.

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Eine Möglichkeit, das Business auszuweiten, besteht in der Einbindung von Angeboten anderer Institute. So können die eigenen Produkte ergänzt werden oder neue Zusatzangebote entstehen. Banken böten bereits heute über Whitelabel-Angebote Anlageprodukte anderer Banken ihren eigenen Kunden an, schreibt Deloitte in „Open Banking, A platform-based business approach that came to stay“ (2018). Diese seien voll im eigenen Online-Banking integriert. Eine deutsche Hypothekenbank habe zum Beispiel mit einer Partnerschaft ihr Portfolio um anbieterübergreifende Deposit-Angebote erweitert – ausschließlich mit Produkten von Drittanbietern, und damit ohne eigene Infrastruktur für diese Anlagen aufbauen zu müssen. Ihre Kundinnen und Kunden können so alles aus einer Hand bekommen und nehmen die eigene Bank als Full-Service-Dienstleister wahr. Das erhöht die Kundenbindung und bringt gleichzeitig weitere Nutzerdaten.

Vom Finanzdienstleister zur Technologieplattform

Durch Datenanalyse können Banken ihrer Klientel individuelle Vorschläge unterbreiten – die Finanzvariante von Amazon. Open Banking ist für den Finanzsektor ein Innovationskatalysator. Doch wie immer, wenn neue Ideen sich durchsetzen, werden alte Geschäftsmodelle auf der Strecke bleiben. Das gleiche gilt für die IT: Wollen Banken hier mithalten, müssen sie sich in Sachen Verfügbarkeit und Skalierbarkeit an Google und Co. messen. Da liegt die Latte hoch. Und erfordert neue Infrastrukturmodelle. Für Banken ist die Integration der übergreifenden Core-Banking-Architektur mit einer API-Management-Struktur unter Beachtung der regulatorischen Anforderungen sowie der Datensicherheit eine Notwendigkeit, aber auch eine digitale Herausforderung. Zukunftsfähigkeit, Flexibilität, Sicherheit, Verfügbarkeit und Compliance sind dabei wichtige Aspekte.

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Doch Open Banking fordert auch neue Eigenschaften von der Bank-IT und ihren Mitarbeitenden. Plötzlich stehen Dinge wie Entwicklerkomfort und Innovationsgeschwindigkeit im Fokus. Damit sind bei den Angestellten neue Fähigkeiten gefragt, eine neue Flexibilität und letztendlich eine neue Organisation. Open Banking ist ein Change-Projekt, denn Banken müssen sich künftig technisch, methodisch und kulturell an der Internetwirtschaft ausrichten. Und sie müssen das entsprechende Personal akquirieren – es bleibt also noch einiges zu tun.

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18.12.2020