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Arbeiten

Wer stehen bleibt, verliert

Innovationen bringen Wachstum, für manche bedeuten sie aber auch das wirtschaftliche Aus: eine lehrreiche Geschichte über Schöpfung und Zerstörung.
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© Photo by Austin Neill on Unsplash
18.08.2020

In der Wirtschaft ist Stillstand gleich Rückschritt: Nur wer sich weiterentwickelt, kann langfristig am Markt bestehen. Für Unternehmen sind Innovationen deshalb von großer Bedeutung. Entsprechend müssen sie gefördert werden. Das sind die Lehren aus der Wirtschaftsgeschichte.

Ob Buchdruck, Dampfmaschine, Internet oder Smartphone – Innovationen verändern die Welt: wirtschaftlich, kulturell und sozial. Häufig beginnen sie mit einer einfachen Idee, einer technologischen Erfindung und der dazu passenden unternehmerischen Vision. Geht sie auf, kommt es zu einer Umwälzung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Der österreichische Ökonom Josef Schumpeter sprach ihnen deshalb eine „schöpferische Kraft der Zerstörung“ zu. Heute gilt er als Begründer der Innovationsforschung, seine Überlegungen sind noch immer hochaktuell und finden sich in den meisten theoretischen und praktischen Ansätzen wieder.

Wie alles begann

Schumpeter lebte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der die Industrialisierung die meisten europäischen Gesellschaften bereits vollständig erfasst hatte. Dampfmaschinen und Fließbänder revolutionierten die Produktion, Kanäle und Gleise den Transport. Auf den Straßen fuhren die ersten Autos und in den Städten tauchten Leuchtreklamen und Kinematographen die Welt in ein völlig neues Licht. Die Produktivität der frühen Industriestaaten explodierte. Gleichzeitig aber auch ihre Armut, da viele vorindustrielle Wirtschaftszweige und Berufsstände innerhalb kürzester Zeit vernichtet wurden. Die schöpferische Zerstörung war nicht zu übersehen.

2020 08 FINT Artikel Quer Innovationsmanagement 02 unsplash rcngq A Af YK0 © Photo by Diogo Tavares on Unsplash

Doch die damalige Ökonomie bildete die Dynamik der Industrialisierung kaum ab – sie basierte auf der Annahme von Gleichgewichtsmärkten, auf denen Produzenten ihr Angebot an der Nachfrage der Konsumenten ausrichten und einen Wettbewerb um die geringsten Produktionskosten führen. Ein Modell, dass das Verhalten unzähliger Marktteilnehmer auf das Zusammenspiel von Angebot, Preis und Nachfrage reduziert und zeitliche Abläufe lediglich in der Form von saisonalen Nachfrageänderungen berücksichtigt. Entwicklungssprünge wie die industrielle Revolution, die das alljährliche Auf und Ab des Wirtschaftslebens mit einem Mal durchbrechen und die alten Produktions- und Konsumptionsweisen auf den Kopf stellen, kamen in der Neoklassik, so der Name der vorherrschenden Schule, nicht vor.

In seinem 1911 erschienenen Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ erweiterte Schumpeter das Bild von den statischen Marktgleichgewichten um den Prozess der schöpferischen Zerstörung. Dabei rückte er die Figur des „dynamischen Unternehmers“ in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Ein individualpsychologischer Ansatz, der den Gestaltungswillen und die Risikobereitschaft einer einzelnen Person zum Ausgangspunkt des Innovationsprozesses macht. Demnach sei der Unternehmer wie ein „großer, schaffender Künstler“, der technische Erfindungen außerhalb der Wirtschaft aufspüre und mithilfe von „Wagniskapital“ am Markt durchsetze. Aus einer Invention, einer bloßen Idee, werde so eine Innovation, die sich in der Produktion durch eine nie dagewesene Kombination von Inputfaktoren auszeichne.

Dabei würden wenige unternehmerische Pioniere ausreichen, um „early and late adopters“ von der Innovation zu überzeugen. Mit fortschreitender Marktdurchdringung könne der dynamische Unternehmer die Produktion so ankurbeln und einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung auslösen. Unternehmen, die mit dem Tempo der Entwicklung nicht Schritt halten können, würden dabei zerstört. Ein jüngeres Beispiel hierfür ist Kodak, das den Markt für Fotofilme lange Zeit dominiert hat. Als das Unternehmen den Trend zur Digitalkamera jedoch um einige Jahre verpasst hatte, verlor es innerhalb kürzester Zeit sein gesamtes Geschäftsmodell. Aktuell macht Kodak wieder von sich reden: Allerdings als potenzieller Hersteller von Inhaltsstoffen für Medikamente. Die Corona-Krise und das daraus resultierende Programm, das Unternehmen verpflichtet, medizinischen Bedarf herzustellen, machen es möglich. Kodak erfindet sich neu.

2020 08 FINT Artikel Hoch Innovationsmanagement 01 pexels 3178881 © Photo by Andrew Neel on Pexels

Auf diese Neuerfindung wartet der Handyhersteller Nokia, der die Entwicklung des Smartphones nicht rechtzeitig erkannte und seine Position als Marktführer an die Konkurrenz verlor. Heute sind die Finnen vor allem Netzwerkausrüster und auf dem Handymarkt unbedeutend. Ursprünglich war Nokia übrigens ein Holzstoffhersteller. Der sogenannte Kodak-Effekt zeigt, wie unvorhersehbar und sprunghaft die schöpferische Zerstörung verläuft. Schumpeter vergleicht sie in seinen Werken deshalb auch mit der Evolution.

Digitalisierung und Industrie 4.0

Beispiele für dynamische Unternehmer gibt es viele. Zu Schumpeters Zeit dürften Henry Ford, Thomas Edison, Nikola Tesla, Werner von Siemens oder Carl Benz die bekanntesten gewesen sein. Namen, die bis heute eng mit der Industriegeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbunden sind und anderen Unternehmern noch immer als Vorbild dienen, wie der E-Truck-Hersteller Nikola oder der Autobauer Tesla zeigen. Zwei Referenzen, die durchaus naheliegen, denn zur Zeit von Nikola Tesla befand sich die Wirtschaft in einer ähnlichen Phase des Umbruchs wie heute. Damals waren es die Mechanisierung, Massenfertigung und Elektrifizierung, die die Produktion veränderten. Heute ist es die Digitalisierung, die von vielen als vierte industrielle Revolution angesehen wird. Ihre Pioniere heißen Bill Gates, Steve Jobs, Larry Page, Jeff Bezos oder Elon Musk.

Ihr Erfolg und ihr Unternehmergeist scheinen Schumpeters Theorie zu bestätigen – noch heute dient er Innovationsforschern als wichtiger Referenzpunkt. Etwa, wenn es um Innovationszyklen geht, die sich zumeist an Schumpeters Unterscheidung der „innovators“, „early adoptors“ und „laggers“ orientieren und fester Bestandteil vieler wirtschaftswissenschaftlicher Lehrpläne sind. Auch das Konzept der disruptiven Technologien, das in der Gründer- und Start-Up-Szene beliebt ist, unterliegt der schöpferischen Zerstörung, etwa in Form des Technologie-Shifts oder der Risikobereitschaft einzelner Unternehmen. Es wurde von dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Clayton M. Christensen an der Havard Business School entwickelt und beschreibt, wie kleine und jüngere Unternehmen „bahnbrechende Innovationen“ am Markt durchsetzen.

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Am nachhaltigsten dürfte Schumpeter jedoch auf die betriebswirtschaftliche Disziplin des Entrepreneurships gewirkt haben. Auch sie unterstreicht die gesamtwirtschaftliche Erneuerungsfunktion von innovativen Unternehmern, die sich vom gewöhnlichen Existenzgründer durch ihre radikalen und riskanten Geschäftsideen abgrenzen. Dabei misst sie der Persönlichkeit des Entrepreneurs große Bedeutung zu und versucht seine besondere Motivation, Kreativität und Risikobereitschaft in verschiedenen Managementlehren zu vermitteln. In der wirtschaftlichen Praxis wecken diese Ansätze ein immer größeres Interesse.

Wem gelingt der Umbruch?

So setzen viele etablierte Unternehmen mittlerweile auf Digital Labs, Start-Up-Inkubatoren, Innovation Hubs oder Zukunftswerkstätten, um den „entrepreneurial spirit“ ihrer Mitarbeiter zu wecken. Ihr Ziel: Mitarbeiter sollen sich selbst als Unternehmer begreifen und innovative Geschäftsideen am eigenen Arbeitsplatz entwickeln. Dazu wird ihnen in Projektteams mit flachen Hierarchien, Anreizsystemen und einer offen Kommunikationskultur der nötige Raum gegeben. Ein Ansatz, der auch als Intrapreneurship bezeichnet und unter anderem von Google praktiziert wird. Der IT-Spezialist stellt seinen Mitarbeitern bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für eigene Projekte frei. Produkte wie Gmail, Google News oder Street View sollen so entstanden sein.

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Das Konzept wird mittlerweile auch von einigen Banken praktiziert, denn Digitalisierung ist längst kein bloßer Trend mehr und FinTechs und Co. sind ernst zu nehmende Konkurrenten. In der Fiducia & GAD, dem IT-Dienstleister der Volks- und Raiffeisenbanken, hat man deshalb mit einer Innovationswerkstatt in München, einem Innovationsraum in Karlsruhe und einem Innovationsforum in Münster unterschiedliche Räume geschaffen, in denen Mitarbeiter eigene Ideen umsetzen können. „Die Innovationswerkstatt bietet sowohl für Projektarbeiten in kleinen Gruppen als auch für große Formate wie Design-Thinking-Workshops oder Hackathons ausreichend Platz. Im Vordergrund stehen hier zuerst einmal die kreative Arbeit und Ideenfindung, für die man viele Freiräume braucht. Die Realisierbarkeit am Markt testen wir dann in sogenannten Feedback Loops mit unseren Kunden“, sagt Gerd Müller, Leiter Architektur und Innovation bei der Fiducia & GAD. Die Projektteams, die sich in der Ideenschmiede zusammenfinden, sind oft bunt gemischt. Sie decken unterschiedliche Fachbereiche ab und können gut einschätzen, wie sich eine Idee in der IT-Entwicklung umsetzen lässt. Dabei berücksichtigen sie die Ergebnisse aus den Feedback Loops und Tests von Anfang an und können so in kurzen Entwicklungssprints auf Verbesserungsvorschläge eingehen. Ihre agile Arbeitsweise ermöglicht es, Prototypen innerhalb weniger Tage zu entwickeln.

Der Vorteil einer solchen Ideenschmiede: Ist eine Entwicklung marktreif, kann sie von der Größe des Unternehmens, seinen Geschäftsbeziehungen, finanziellen Möglichkeiten und Skaleneffekten profitieren. Ausgründung und Durchsetzung am Markt können dadurch schneller gelingen. Der Innovationsprozess, wie er von Schumpeter beschrieben wurde, kann so stark verkürzt werden.

18.08.2020