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Waldemar Zeiler: Scheitern gehört dazu, Anzüge nicht (mehr)

Waldemar Zeiler lebt Veränderung und will sie auf allen Ebenen vorantreiben. Dabei kalkuliert er Scheitern immer mit ein.
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18.06.2021

Vollbart, Baumwollmütze, Hornbrille. Klingt nach einem typischen Berliner Hipster, oder? Doch das war nicht immer so. Früher trug Waldemar Zeiler Nadelstreifenanzüge zu Geschäftsterminen. Aber nicht nur äußerlich hat sich der 38-Jährige gewandelt. Auch sein Mindset hat eine tiefgreifende Veränderung hinter sich.

Schon während des Abiturs träumt Waldemar Zeiler davon, sein eigenes Unternehmen aufzubauen. Mit 20 setzt er sich das Ziel, in zehn Jahren Millionär zu sein. „Ich war total geldgetrieben“, sagt der in Kasachstan geborene Russland-Deutsche. Um sein Ziel zu erreichen, besucht Zeiler renommierte Universitäten, arbeitet für Unternehmensberatungen und ist an einigen Start-up-Gründungen beteiligt. Er arbeitet viel – zu viel: „Ich hatte eine Art Burn-out und merkte: Das ist uncool, wie du das machst.“ Deshalb zieht Zeiler die Handbremse und verabschiedet sich mit seinem Rucksack nach Südamerika.

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„Das ist doch ´ne Scheiß-Idee“

Sechs Monate reist er umher und lernt neue Kulturen kennen. Die Zeit jenseits der neuen Heimat verändert Zeiler: Seine Sichtweise auf Geld und Statussymbole, die Haltung zur Wirtschaft. Doch ausgerechnet eine Nachricht aus Deutschland leitet die größte Veränderung ein. Sein Freund Philip Siefer schickt ihm aus einem Supermarkt ein Bild von Kondomen – mit dem Zusatz: Hey, das können wir doch geiler machen. Gemeint ist die medizinisch anmutende Verpackung und die „unsexy“ Produktplatzierung neben Windeln und Hundefutter. Zeilers erster Gedanke: Das ist doch `ne Scheiß-Idee.“

„Jetzt machste mal irgendwas, das wirklich die Welt retten könnte“

Er kehrt nach Berlin zurück, um erstmal zu schauen, was er künftig machen will. Auf jeden Fall ein Start-up mit Impact, wie er selbst sagt. Ein Start-up, um die Wirtschaft zu „hacken“ und wirklich etwas zu verändern. Gleichzeitig lässt Siefer nicht locker und Zeiler freundet sich immer mehr mit der „Scheiß-Idee“ an. Er kommt zu dem Entschluss: „Kondome sind ein ziemlich geiles Produkt, um die Wirtschaft zu hacken.“ Also gründen die beiden Freunde „einhorn“. Der Kondomhersteller soll aber weit mehr als ein gewöhnliches Start-up sein, das hübsch verpackte und hippe Kondome vertreibt. Vielmehr ist es ein Versuchslabor für eine holokratische Unternehmenskultur und ein Experiment, die Wirtschaft neu zu denken.

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Weg mit den Chefs

Die beiden Unternehmer wollen der Welt zeigen, dass eine profitable und funktionierende Wirtschaft nicht zu Lasten der Umwelt und Menschen gehen muss. Getreu dem Titel von Zeilers Buch: „Unfuck the Economy!“ Deshalb sind die Produkte fair und nachhaltig, das Arbeitsklima anders. „Chefsein“, findet der Familienvater inzwischen, „ist zum Kotzen.“ Und das, obwohl er nach eigenen Aussagen während seiner vergangenen Stationen spätestens nach sieben Monaten gekündigt wird – weil er mehr Verantwortung will. Und weil Chefsein so zum Kotzen ist, schaffen die beiden Gründer alle Hierarchien ab. Sie unterschreiben sogar ein Manifest, das belegt, dass keiner der 18 Einhörner, wie die Mitarbeitenden genannt werden, befehlsgebunden ist. Die Einhörner können kommen und gehen, wann sie wollen, Urlaub nehmen, so viel es ihnen beliebt. Zudem gehört das Unternehmen inzwischen den Einhörnern. Und es funktioniert – im Gegensatz zu den „sechs oder sieben Sachen“, die Zeiler in seiner früheren Start-up-Karriere „an die Wand gehauen hat.“

Ein bisschen Bill Gates und Warren Buffet

einhorn wächst und ist inzwischen profitabel – und das trotz oder gerade wegen der ungewöhnlichen Unternehmenskultur. Das ist auch den Big Playern nicht verborgen geblieben. einhorn bietet New-Work-Keynotes an und auch Führungen durch die Büros sind buchbar: Sie sind zum Vorbild für SAP, Daimler und McKinsey geworden. Siefer und Zeiler geht es mit ihrem „Unfuck the Economy“-Konzept aber nicht nur um die Einhörner.

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Auch um die Kautschukbauern und Kondomproduzenten in Malaysia sorgen sich die Gründer. Deshalb investieren sie 50 Prozent der einhorn-Gewinne in soziale und nachhaltige Projekte – (meist) entlang der Lieferkette der Produkte. Inspiriert von Bill Gates und Warren Buffets „The Giving Pledge“ haben die beiden ein Eigenes ins Leben gerufen: das „Entrepreneur’s Pledge“. Genau wie das Vorbild, sollen so wohlhabende Menschen animiert werden, für das Gemeinwohl zu spenden. Die Unternehmen, die sich diesem Versprechen anschließen, sollen sozial und nachhaltig sein und nach einhorns Vorbild, 50 Prozent der Gewinne in soziale Projekte reinvestieren. Dass eine Unterschrift keine Garantie ist, wissen die beiden. „Wir sind nicht naiv. Aber wenn die Hälfte in absehbarer Zeit etwas Soziales gründet, war es ein Riesenerfolg“, sagt Zeiler.

Unfuck the World!

Neben der Wirtschaft will Waldemar Zeiler auch die Demokratie neu denken. Dafür mietet er zusammen mit Siefer und vielen, weiteren Aktivist:innen das Olympiastadion in Berlin an. Gemeinsam wollen sie den „Superbowl der Demokratie“ ausrichten.

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Das steckt dahinter: Eine Petition benötigt 50.000 Unterschriften, um vor dem Bundestag gehört zu werden. Deshalb wollen die beiden 90.000 Menschen versammeln, um mit Expert:innen und Politiker:innen zu diskutieren und über Petitionen gemeinsam abzustimmen. Ein Versuch, die „World zu unfucken“, soll es sein. Die Pandemie macht den beiden allerdings einen Strich durch die Rechnung. Aber das Scheitern gehört einfach dazu, wenn man etwas neugestalten will. Das weiß Zeiler – und es wird wohl das Einzige in seiner Karriere sein, das sich nie ändern wird.

Waldemar Zeiler wird auch in FINTROPOLIS am 24. und 25. Juni zu Gast sein und euch erzählen, wie er Wirtschaft neu denkt.

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18.06.2021