Leben

Smarte Städte sind überall, nur in Deutschland noch nicht.

Kryptowährung, vernetzte Straßenlampen, intelligente Stromverteilung. Warum „Smart City“ in Deutschland noch ein Fremdwort ist.
199726 FINTROPOLIS Artikel Querformat Smart City Retina © Photo by gaudilab on ClipDealer
26.07.2019

Smart City ist ein Schlagwort der Stunde. Von der Schweiz bis Malaysia setzen sich Länder überall auf der Welt mit dem Thema auseinander und prüfen, wie sich Städte in Technologie-Zentren verwandeln lassen. Auch in Deutschland ist der Trend erkannt – mit dem Modellprojekt Smart Cities des Bundesinnenministeriums sollen Städte nun auch hierzulande durchstarten.

Es ist ein ehrgeiziges Unterfangen, das Malaysia zusammen mit der chinesischen Regierung in Angriff nimmt: Die Infrastruktur von Malakka, einer Küstenstadt im Südwesten der malaiischen Halbinsel, soll künftig vollständig mithilfe der Blockchain-Technologie gesteuert werden. Vor Ort zahlt man dann per App mit der stadteigenen Kryptowährung „DMI-Coin“. Auch Touristen können ihr Geld unkompliziert in digitale Einheiten wechseln. Mit dem Projekt sollen vor allem Reisende angelockt werden. Denn für sie versprechen solche Blockchain-Modelle deutliche Erleichterungen beim Bezahlen. Malakka wird als „Melaka Straits City“ unmittelbar in das Zeitalter der Smart Cities katapultiert.

Dass die Einführung einer Kryptowährung für geschlossene Märkte sehr gut funktionieren kann, zeigt auch Liberstad in Norwegen. Seit 2015 wird in der Smart City ausschließlich mit dem „City Coin“ (CITY) gezahlt. Die Währung ist mit der Blockchain-basierten Plattform „City Chain“ verknüpft, über die Einwohner wiederum Initiativen oder auch Abstimmungen organisieren können.

Ob für autonome Kryptowährungen, zur Stadtverwaltung oder zur Stromverteilung, wie es der Krypto-Millionär Jeffrey Berns für seine smarte Stadt in der Wüste Nevadas plant, die Blockchain ist in vielen Projekten der Grundstein für die Smart City.

FINTROPOLIS Bild03 Hochkant Smart City HQ © Photo by ishan @seefromthesky on Unsplash

Was macht die Stadt smart?

Welche Kriterien machen aus einer Stadt aber eine Smart City? Der Begriff bezieht sich vor allem darauf, wie intensiv digitale Technologien über sämtliche Ebenen einer Kommune hinaus entwickelt und genutzt werden. Es muss also nicht gleich eine eigene Kryptowährung wie in „Melaka Straits City“ sein, um als Smart City zu gelten.

Eine Stadt hat viele Stellschrauben, an der sie drehen kann, um smarter zu werden. Gerade die Bereiche Energie, Verwaltung, Stadtplanung, Mobilität und Kommunikation profitieren besonders vom Einsatz moderner Technologien. Darüber hinaus lassen sich alle Themengebiete miteinander verknüpfen, wodurch nicht nur die Lebensqualität der Bewohner, sondern auch die Nachhaltigkeit in der Stadt ansteigt.

So macht Darmstadt etwa mit einem intelligenten Ampelsystem, einer digitalen Verwaltung und einer übergreifenden Datenplattform zur Visualisierung und Vernetzung unterschiedlicher Themengebiete von sich reden.

Deutschland hinkt der Entwicklung hinterher

Weltweit wandeln sich immer mehr Städte zu Smart Cities. Eine Studie des Beratungsunternehmens Frost & Sullivan prognostiziert, dass bereits 2050 rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in einer intelligenten Stadt leben wird. Deutsche Städte hinken im internationalen Vergleich bei dieser Entwicklung hinterher.
Der Digitalverband Bitkom hat zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software-Engineering (IESE) und weiteren Partnern einen Smart-City-Atlas erstellt. Dieser zeigt, welche deutschen Städte sich bereits mit dem Thema auseinandergesetzt und erste Anstrengungen hin zur Smart City unternommen haben.

Demzufolge starteten bislang 50 Städte im Bundesgebiet Smart-City-Initiativen. Doch solche schnellen und tiefgreifenden Umstrukturierungen, wie sie etwa Malaysia in Angriff genommen hat, sind hierzulande nicht geplant. Auffällig ist, dass kleinere Städte wie Aachen, Paderborn oder Lemgo bereits eine digitale Agenda verabschiedet haben, während sich die Metropolen Berlin, München und Stuttgart noch in der Planungsphase befinden. Im Fokus der Städte stehen die Themenfelder Digitalisierung der Verwaltung, Mobilität sowie Energie und Umwelt.

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Modellprojekt Smart Cities

„Regionale Förderprogramme und Wettbewerbe wie ‚Digitale Stadt‘ waren die Initialzündung für viele Smart-City-Initiativen in Deutschland. Die breite lokale Unterstützung und die große öffentliche Aufmerksamkeit haben viel Schwung und Begeisterung in die Städte gebracht“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Von Seiten der Bundesregierung gab es bislang nur wenig Unterstützung. Mit der Smart City Charta gibt es lediglich seit 2017 Leitlinien und Empfehlungen für Kommunen, um den digitalen Wandel aktiv und nachhalten zu gestalten. Das soll sich nun ändern: Dafür hat die Bundesregierung Anfang des Jahres einen Wettbewerb ausgerufen, mit dem kommunale Smart Cities-Modellprojekte gefördert werden. Städte sollen im Rahmen des Projektes effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozialer konzipiert werden.

Bis Mitte Mai konnten sich die Städte für das Modellprojekt Smart Cities des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat bewerben. Bei den Modellprojekten soll im Vordergrund stehen, integrierte Konzepte zu entwickeln und zu erproben, die die Lebensqualität einer europäischen Stadt in die digitale Zukunft transportiert. Insgesamt möchte das Ministerium etwa 50 Modellprojekte über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg mit rund 750 Millionen Euro fördern. 750 hört sich erst einmal viel an. Es sind aber nur 1,5 Millionen Euro pro Kommune pro Jahr. Drastische Umbrüche sind in Deutschland also nicht Sicht. Zum Vergleich: Malaysia benötigt für die Blockchain-City „Melaka Straits City“ 120 Millionen US-Dollar (ca. 107 Mio. Euro) Investitionskapital.

Stadtplanung mit Echtzeitdaten

Zahlreiche Städte sind dem Aufruf des Bundesinnenministeriums gefolgt und haben sich für das Modellprojekt beworben. So will etwa Eutin zur Smart City werden, um die Lebensqualität, die Wirtschaft sowie die Zukunftsfähigkeit zu verbessern und um für kommende Herausforderungen als intelligent vernetzte Stadt gewappnet zu sein. Cottbus hat bereits die Strategie „Digitale Stadt Cottbus“ entwickelt, deshalb konnte die Stadt direkt Gelder zur Förderung von Umsetzungsmaßnahmen beantragen. Um dem Strukturwandel zu begegnen, hat Cottbus sieben Handlungsfelder in der digitalen Agenda identifiziert: Mobilität, Gesundheit, Bildung, Energie, Stadtentwicklung, Wirtschaft und Verwaltung. Personal-, Sach- und Investitionskosten, die bei der Umsetzung der Strategie anfallen, können mit den Fördergeldern entsprechend aufgefangen werden.

Auch Augsburg bewirbt sich beim Modellprojekt Smart Cities. „Um die Digitalisierung in der Stadt und der Region weiter voranzubringen“, will die Stadt eine übergreifende Smart-City-Strategie entwickeln und in Projekten umsetzen. Konkret geht es darum, eine digitale „Kommunikationsinfrastruktur“ in der öffentlichen Verwaltung aufzubauen. Ziel ist es, Echtzeitdaten intelligent zu nutzen. Mithilfe von Umwelt- und Verkehrsdaten könne so das Leben in der Stadt passgenau gesteuert und geplant werden – auch eine digitale Zählerablesung in Echtzeit sei dann möglich, gibt die Stadt an. Der Umgang mit den Daten solle dabei sicher, transparent und den Datenschutzrichtlinien entsprechend in öffentlicher Hand liegen. Dafür will die Stadt 17,5 Millionen Euro investieren.

Im Juli entscheidet nun eine Jury darüber, welche zehn Smart Cities vom Bundesprogramm in einer ersten Staffel 2019 gefördert werden.

26.07.2019