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„New Work ist nicht immer Kuschelkultur und Obstkorb“

Transformations-Experte Marc Wagner erzählt im Interview, wie Unternehmen sich erfolgreich wandeln – und wer dabei auf der Strecke bleiben muss.
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© Photo by Vidar Nordli Mathisen on Unsplash
27.05.2021

„Nichts ist beständiger als der Wandel“ – dieser Titel ziert das Cover einer Briefsammlung von Charles Darwin und ist aktueller denn je. Im zweiten Teil des Interviews erklärt Marc Wagner, Servicefeld-Lead „Mitarbeiter-Experience“ der Fiducia & GAD, wie Unternehmen mit dem fortlaufenden Wandel umgehen sollten und warum Darwins Evolutionstheorie auch auf Unternehmen anwendbar ist.

Im ersten Teil unseres Interviews hast du erzählt, dass die Transformation in Unternehmen bestimmte Voraussetzungen braucht und schon „oben“ vorgelebt werden muss – warum ist das so?

Jedes Best-Practice-Beispiel hat einen charismatischen Leader oder eine charismatische Leaderin, die die Veränderung anstößt und sehr konsequent durchhält. Da gibt es einige Beispiele, wie John J. Legere, der T-Mobile US vom Sanierungsfall zum drittgrößten Mobilfunkanbieter der USA geführt hat. Andere Beispiele wie Bill Gates oder Elon Musk zeigen, dass New Work nicht immer Kuschelkultur und Obstkorb sein muss. Das kann sich auch anders ausdrücken, wenn jemand eine überzeugende Vision hat. Diese steht am Anfang und muss durch ein Top-Management transportiert werden und die Ebenen darunter konsequent anstecken.

2021 05 FINT Interviwe Marc W Hoch 01 © Photo by Marc Wagner

Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in Veränderungsprozessen?

Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen: Zum einen in Menschen, die wollen und Veränderungen mittragen können. Zum anderen gibt es die, die wollen, aber nicht können. Diese sind für den Veränderungsprozess am allerwichtigsten, weil sich alle an ihnen orientieren, denen es ebenfalls so geht. Deshalb müssen Führungskräfte hier aktiv ansetzen und Lösungen bieten. Wenn die Menschen dann sehen, dass ihnen geholfen wird, gehen auch viele weitere den Weg mit. Das wirkt dann wie ein Dominoeffekt. Mitarbeitende, die können, aber nicht wollen, gefährden den Veränderungsprozess und müssen sich langfristig fragen, ob sie noch Teil der Transformationsreise in der Organisation sein können und möchten.*

Wie gelingt es den Führungskräften, ihre Mitarbeitenden auf diese Reise mitzunehmen – auch im Hinblick auf die „Führung aus der Ferne“?

Das ist ein ganz spannendes Thema. Eines vorweg: Nicht ohne Hierarchie. Ich bin Anhänger davon, gewisse Strukturen zu haben. Man muss Regeln und einen Rahmen abstecken. Das war und ist gerade jetzt in der Corona-Zeit wichtig. Fragen wie „Wie halte ich Meetings ab?“, „Wie gehe ich das Thema Pausen am besten an?“ oder „Wie sorge ich für einen gesunden Arbeitstag?“ standen hier im Fokus. Hier müssen Leitplanken gesetzt werden, sonst wird es schnell ineffizient. Der andere Punkt ist die Herausforderung, wie sich das Team führen und zusammenhalten lässt. Durch die fehlende physische Präsenz ist es unheimlich schwer, mitzubekommen, ob Mitarbeitende angespannt sind. Eine Idee ist hier, Mikro-Kontakte zu schaffen: Kurze Telefonate, um festzustellen, ob es den Mitarbeitenden gut geht und ob Probleme vorliegen. Dafür muss man aber auch mal loslassen. Das fällt vielen Führungskräften schwer, weil sie sich nicht sicher sind, ob zuhause tatsächlich gearbeitet wird. Dabei ist es wichtig, Leadership ins Team zu übertragen und Regeln aufzustellen. Dazu gehört, keine Scheu zu haben, sich bei einer Führungskraft zu melden, wenn es Probleme gibt oder sie eine Barriere aus dem Weg räumen soll. Es wird sich zeigen, was die 14 Monate Lernerfahrung im mobilen Arbeiten gebracht haben.

Glaubst du, dass das zu einem Lerneffekt in den Unternehmen geführt hat?

An vielen Ecken hat schon ein Mindset-Shift stattgefunden. Das gelebte Verhalten ist die beste Art, eine Mindset-Veränderung herbeizuführen. Nach dem Motto: „Probiert es doch erstmal, sammelt Erfahrungen und gebt uns Feedback.“ Für viele war das erst einmal positiv, weil die Mitarbeitenden im Alltag flexibler sind, um beispielsweise Kinder von der Schule abzuholen oder mal schnell zum Arzt zu gehen. Aber natürlich nicht für alle. Einige wünschen sich ihren Schreibtisch zurück, weil sonst auch etwas Identifikation mit dem Unternehmen verlorengeht und die Arbeit zuhause auch durch gewisse Umstände beeinträchtigt werden kann. Der smarte Weg wird wie immer in der Mitte liegen.

2021 05 FINT Artikel event 03 pexels 7269695 © Photo by Karolina Grabowska on Pexels

Wie könnte dieser Mittelweg aussehen?

Es wird die geben, die die Mitarbeitenden wieder ins Büro zitieren, um auch zu sehen, dass gearbeitet wird. Die anderen werden sich denken, dass es eine super Möglichkeit ist, Büros abzuschaffen und alle von zuhause aus arbeiten zu lassen. Der erfolgreiche Weg wird der sein, den Mitarbeitern neue Möglichkeiten für mehr Flexibilität anbieten zu können. Das bedeutet auch: Nicht der Stärkste, sondern der Anpassungsfähigste wird überleben. Ich bin von dem Leitspruch „Survival of the fittest“ absolut überzeugt, wenn es um Veränderungsprozesse geht.

2021 05 FINT Artikel Hoch event unsplash 0u9 JLHY Sgxo © Photo by Annie Spratt on Unsplash

Auch die Digitalisierung und das Streben nach mehr Nachhaltigkeit sind Veränderungsprozesse – hat die Pandemie auch hier positive Auswirkungen?

In der Digitalisierung mit Sicherheit, weil viele zwangsdigitalisiert wurden. Bei der nachhaltigen Entwicklung bin ich noch etwas zurückhaltend, weil ich schon Transformationsprozesse erlebt habe, aus denen die Akteure nichts gelernt hatten und nach fünf Jahren wieder vor denselben Problemen standen. Das kollektive Gedächtnis, was bestimmte Veränderungsprozesse angeht, ist oft nicht so ausgeprägt. Deshalb bin ich da auch gerade was Deutschland betrifft sehr skeptisch. Wir werden an allen Ecken und Enden abgehängt, obwohl wir geniale Erfinder und Pioniere wie Robert Bosch hervorgebracht haben. Der einzige Weg, die Veränderung in Deutschland voranzutreiben ist der, die Weichen, sowohl auf der landesweiten als auch auf der unternehmerischen Ebene, zu stellen. Nur so gehen wir gestärkt aus der Pandemie hervor.

2021 05 FINT Artikel event 02 unsplas dpb Xg Th0 Lac © Photo by XPS on Unsplash

Du forderst also wieder mehr Pioniergeist?

Unbedingt. In einem disruptiven Zeitalter muss man sich anpassen. Eine Zeit, in der Black-Swan-Events zunehmen und fast die Regel werden, ist es keine adäquate Strategie, den Status quo zu konservieren oder effizienter zu gestalten. Hierbei kann man wunderbar von China lernen, wie die richtige Einstellung zu technologischem Fortschritt aussehen sollte. In China gibt es die Tradition, Geld in einem kleinen, roten Umschlag zu verschenken. Diese Tradition gibt es immer noch, wurde aber einfach ins Digitale übertragen. Zwar fallen jetzt die roten Umschläge weg, aber die Geste bleibt dieselbe. Der Umgang mit dem technologischen Fortschritt begeistert mich enorm.

Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke!

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikel stand, dass Mitarbeitende, die den Veränderungsprozess gefährden, entfernt werden müssten.
Marc Wagner und die Redaktion sind sich einig, dass dies den Sachverhalt nicht richtig widerspiegelt und haben die Aussage korrigiert.

Übrigens: Marc spricht auch in FINTROPOLIS am 24. und 25. Juni – seid dabei!

27.05.2021