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Banken

Nachhaltigkeit ist 'ne Bank.

Warum Unternehmen gerade in der Corona-Krise den Umweltschutz vorantreiben müssen.
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© Photo by Matthew Smith on Unsplash
15.10.2020

Die Nachhaltigkeits-Fachleute Meike Frese, Jan Köpper und Rolf Häßler erklären, warum Betriebe in der Pandemie auf Nachhaltigkeit setzen sollten – und ob es wirklich gelingen kann, dass Menschen ihr Verhalten ändern.

Nach der Keynote ist vor der Keynote: Meike Frese von der Fährmann Unternehmensberatung Nachhaltigkeit, Rolf Häßler, Geschäftsführer des NKI Institut für Nachhaltige Kapitalanlagen sowie Jan Köpper, Head of Impact Transparency and Sustainability bei der GLS Bank hatten in unserer Panel-Diskussion bereits ausführlich besprochen, wie die EU das Thema nachhaltige Investments vorantreibt. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich dadurch für Banken? Neben ESG-Kriterien (ESG – Environmental, Social, & Corporate Governance), Regulatorik und Innovation ging es im Gespräch auch darum, wie Finanzinstitute ihr Kerngeschäft nutzen können, um die Welt nachhaltiger zu gestalten.

Hier könnt ihr euch das Video mit der Diskussion noch einmal ansehen:

Doch weil damit noch längst nicht alles gesagt ist, haben wir uns drei Fragen herausgepickt, die Bankerinnen und Banker uns im Nachgang gestellt haben – und unsere Fachleute erneut zum Interview gebeten.

FINTROPOLIS: Vielen Dank, dass ihr wieder die Zeit gefunden habt. Wie kann man in der Corona-Krise die Bedeutung von Nachhaltigkeit vermitteln, wo Unternehmen und auch die Gesellschaft gerade andere Sorgen haben?“

Rolf Häßler: Aus der Frage spricht so ein bisschen die alte Denke: Ich muss mir Umweltschutz und Nachhaltigkeit leisten können. Unternehmen räumen jetzt erstmal nach der Corona-Krise auf, und dann können sie sich wieder um Umweltschutz und ESG kümmern. Andersherum wird aber auch ein Schuh daraus: Die Corona-Krise ist die Chance, die wir jetzt nutzen müssen. Wenn die EU so viel Geld in die Hand nimmt, dann lasst es uns doch gleich so einsetzen, dass es einen Beitrag zum Green New Deal und damit zum Klimaschutz leistet.

Meike Frese: Es geht darum, die Hilflosigkeit abzulegen, dass die Umsetzung von ESG-Kriterien viel Geld kostet und Effizienz sowie Effektivität lähmt. Das ist diese unbewiesene Prämisse, der ich ständig begegne. Die müssen wir aus den Köpfen rauskriegen. Es gibt so viele tolle Beispiele von Unternehmen, die ESG umsetzen wollten und es deshalb einfach gemacht haben. Es gibt so viele Maßnahmen, die nicht viel Geld kosten. Und gleichzeitig gibt es auch Förderung von der KfW, man kann sich dabei also finanziell unterstützen lassen. Der Wille muss jedoch da sein.

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Jan Köpper: Da stimme ich voll zu. Es lohnt sich, einfach loszulegen und keine Scheu vor dem Unperfekten zu haben. Vielen Unternehmen ist gar nicht bewusst, wie viel sie schon tun. Viele sind ja schon gut aufgestellt beim Mitarbeiterumgang, oder machen sich schon Gedanken zu einzelnen Aspekten der ökologischen Nachhaltigkeit oder dem Umgang mit Lieferanten. Es wäre also nur wichtig, diese ersten Ansätze im Rahmen der Nachhaltigkeit weiter zu strukturieren. Am Ende kann Am Ende kann der Blick auf bereits vorhandene Maßnahmen Unternehmen die Angst nehmen, dass ein riesengroßer Berg Arbeit vor ihnen liegt und sie auf einem weißen Blatt beginnen müssen.

FINTROPOLIS: Woher kommt diese Angst?

Meike Frese: Unternehmen sind daran gewöhnt, dass es von außen Anforderungen gibt, die es zu erfüllen gilt. Compliance, Datenschutz, etc. Immer heißt es: Mach dies oder das nicht. Am Ende ist das dann wie im Burnout, wenn man nicht mehr weiß, wann man das alles überhaupt noch machen soll. Es gibt Unternehmer, die mir sagen: „Wir würden ja so gerne, aber schauen Sie sich meine Woche an.“ Manchmal bin ich da auch nur voller Mitleid und sage: „Ja, stimmt, das wüsste ich jetzt auch nicht.“

Rolf Häßler: Ich habe den Eindruck, dass das Argument „das müssen wir jetzt auch noch machen“, besonders gern bei Unternehmen genommen wird, die Nachhaltigkeit eben nicht umsetzen.

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FINTROPOLIS: Daran schließt sich folgende Frage an: Wie sollen Unternehmen Nachhaltigkeit umsetzen, wenn sie gerade finanziell in der Klemme stecken und sich aufs Überleben konzentrieren müssen?

Rolf Häßler: Meines Erachtens ist das immer eine Frage von Ursache und Wirkung: Wir haben in der Corona-Krise gesehen, dass gerade Unternehmen mit nicht nachhaltigen Geschäftsmodellen wie Fluggesellschaften oder Energieversorger, die noch auf Kohle setzen, jetzt in Schwierigkeiten stecken. Die haben Probleme, eben weil sie sich nicht um Nachhaltigkeit gekümmert haben. Das ist für mich eine der großen Lehren aus der Pandemie.

Jan Köpper: Genau, da ist Resilienz das Stichwort. Wir haben herausgefunden, dass unsere Kunden deutlich resilienter aufgestellt sind als vergleichbare Kunden, die sich nicht nach ESG-Kriterien orientieren. Und gleichzeitig ist es wichtig zu betonen: Wir kämpfen alle ums Überleben, die gesamte Erde. Uns bleibt nur noch wahnsinnig wenig Zeit. Diese Überlebensfrage ist viel größer als Corona.

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FINTROPOLIS: Das leitet nahtlos über zu unserer letzten Frage:Menschliche Schwächen wie Gier, Neid und Egoismus lassen sich nicht einfach beseitigen. Wie gelingt es, Nachhaltigkeit im Mindset der Menschen zu verankern, bevor die Lage noch viel schlimmer wird?

Meike Frese: Ich halte diesen Sozial-Darwinismus für schlicht und ergreifend überholt. Wir wissen, dass heutzutage das Kooperationsprinzip zum Überleben beiträgt. Von Natur aus ist der Mensch kooperativ und gut. Aber wir sind es nicht gewohnt, so zu denken und es fühlt sich fast verwegen an.

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Rolf Häßler: Ich bin da skeptischer, was den Willen der Menschen zur Verhaltensänderung angeht. Im besten Fall erreicht man diese über umfassende Informationen – wie beim Nutri-Score, wo man auf einen Blick sieht, welche Lebensmittel einem nicht guttun und diese dann nicht kauft. Eine tiefgreifende Verhaltensänderung wird meines Erachtens aber nur über Ge- und Verbote funktionieren.

Jan Köpper: Ich bin da optimistischer und stimme Meike zu. Mit der neuen Generation ändert sich unser Werteverständnis in der Gesellschaft gerade massiv. Wir müssen einfach nur lernen, dass es in Ordnung ist, diese Werte auch in die Arbeitswelt hineinzutragen. Außerdem gibt es die Kraft der sogenannten mimetischen Transformation: Wenn Menschen merken, dass bestimmte Verhaltensweisen auch ökonomisch tragfähig sind, dann ahme sie diese nach. Dadurch kann sich dann viel verändern, ohne dass dies überhaupt vom Einzelnen gewollt ist.

FINTROPOLIS: Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Interview war übrigens der Auftakt zu einer Reihe von Beiträgen, die sich rund um das Thema nachhaltige Finanzbranche drehen werden. Und natürlich könnt ihr euch auf weitere, interessante Live-Formate gefasst machen. Seid gespannt!

15.10.2020