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Arbeiten

Karrieretipps: Netzwerken, Spaß haben und auch mal meckern

Wie kommt man beruflich wirklich voran? Drei Menschen aus völlig unterschiedlichen Branchen berichten, woran sie sich halten – und warum es hilft.
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© Photo by Arisa Chattasa on Unsplash
13.10.2020

Es gibt viele Ratschläge, wie man sich am besten verhalten sollte, um Karriere zu machen. Aber welche davon funktionieren? Drei erfolgreiche Menschen erzählen, welcher Tipp ihnen wirklich geholfen hat.

26 Millionen Ergebnisse erhält man, wenn man im Internet nach „Karriere Tipps und Tricks“ sucht – und die meisten davon ähneln sich sehr: „10 Tricks für mehr Erfolg: So werden Sie zum Überflieger“ jubeln die Artikel dort, oder auch „33 Psychotricks, die wirklich jeder kennen sollte“. Die Tipps muten bei genauerem Hinsehen aber eher banal bis absurd an: „Wenn Sie mit jemandem verhandeln, achten Sie darauf, dass er weich sitzt“, wird empfohlen. Oder: „Sie wollen die Verhandlung gewinnen? Bringen Sie etwas zu essen mit“. Und, ganz speziell: „Erledigen Sie Ihre wichtigsten Aufgaben an einem Dienstag.“

Was funktioniert tatsächlich?

Ab jetzt also einfach ausschließlich dienstags arbeiten und bei jeder Konferenz ein paar weiche Kissen auf die Stühle sowie selbstgebackene Schokomuffins auf den Tisch stellen – und schon geht’s steil nach oben? Das dürfte dann doch nicht klappen. Drei Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen erzählen davon, wie sie auf solche „konkreten“ Karriere-Tipps verzichten – und auf welche Weise sie stattdessen erfolgreich sind.

Annemarie Heyl, 33, Geschäftsführerin

Ich habe tatsächlich schon früh einen sehr guten Karrieretipp bekommen – von meinem Vater. Er hat mir empfohlen, mich viel mit anderen Menschen auszutauschen. Denn am besten lerne man beim Beobachten von und beim Austausch mit anderen, spannenden Leuten.

FINT Artikel Quer 28 frau tisch © Photo by fauxels on Pexels

Ich habe mir diesen Tipp damals zu Herzen genommen – und bin sehr glücklich darüber. Denn er hat mir oft weitergeholfen: Ohne das große Netzwerk, das ich mir über die letzten Jahrzehnte angeeignet habe, wäre ich heute nicht dort, wo ich mich befinde. Ich bin Mitglied in diversen Unternehmergruppen, leite den Alumnikreis meiner Alma Mater in Hamburg und nehme sämtliche Unternehmerveranstaltungen zum Austausch wahr.

Nach jedem Treffen komme ich zurück mit neuen Ideen und Erkenntnissen. Dafür bin ich sehr dankbar! Allerdings – auch das habe ich in all den Jahren gemerkt – kann solch ein steter Austausch natürlich auch sehr anstrengend sein: Man kommt nur selten zur Ruhe und findet keinen inneren Frieden mehr, man ist ja dauernd unterwegs und trifft neue Menschen.

Daher würde ich diesen Karrieretipp zwar auf jeden Fall weitergeben. Aber ich würde ihn noch ein wenig erweitern: Um diese Unruhe, dieses Unterwegssein auszugleichen, lese ich viele Bücher – besonders Biographien über unterschiedliche Menschen der Weltgeschichte. Auch daraus lerne ich und ziehe viele Erkenntnisse darüber, wie ich Dinge in meinem Leben machen möchte und wie nicht – sowohl auf beruflicher Ebene, aber auch ganz generell.

Tim Kreuer, 38 Jahre, Synchronsprecher

Den ersten Tipp habe ich schon als Kind von meinem Vater bekommen: “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen” – ich habe mich zum Glück nicht dran gehalten. Erst arbeiten, dann Spaß haben? Das fand ich noch nie besonders einleuchtend. Darf die Arbeit denn keinen Spaß machen? Gerade etwas, was unser Leben so immens ausfüllt, sollte unbedingt Spaß machen, einen in irgendeiner Weise erfüllen.

2020 09 FINT Artikel Quer Karrieretipps 03 unsplash Cmz06 0btw © Photo by NeONBRAND on Unsplash

Diese Vermutung hat mir dann ein Lehrer von mir bestätigt, den ich sehr bewundert habe: mein Musiklehrer. Er war mit so einer Leidenschaft dabei, hat so viel verändert und war dabei so ansteckend, dass mir sofort klar war: Der Mann hat Spaß an seiner Arbeit. Und das hat er auch seinen Schülern nahegebracht. Mein Tipp also: Entdecke deine Leidenschaft, finde eine Arbeit, die dir wirklich Spaß macht.

Denn wenn einem die Arbeit Spaß macht, dann ist man auch gut darin – und kann sie ewig machen: Kürzlich kam mir im Tonstudio ein bekannter Sprecherkollege entgegen. Wir haben uns unterhalten und als er sich verabschiedete, sagte er: “Hör niemals auf.” Was für ein wunderbarer Satz – und er ist wahr: Der Kollege ist 92. Warum hat er nie aufgehört? Weil es keinen Grund gibt, wenn man macht, was man gern macht!

Was sollte man im Job noch beachten – abgesehen davon, dass man möglichst viel Spaß an ihm hat? Ich habe über die Jahre festgestellt, dass ganz konkret im Arbeitsalltag besonders wichtig ist, dass man sich so verhält wie jemand, mit dem man selbst gern zusammenarbeiten würde. Also: Sei stets freundlich, zuvorkommend, aufmerksam und gebe deinen Kollegen ein gutes Gefühl. Das ist unendlich viel wert!

Barbara Lübbert, 66 Jahre, Juristin

Einen richtigen Karrieretipp habe ich nie bekommen – aber ich habe schnell selber gemerkt, was mir beruflich wichtig ist und mich dann auch daran gehalten. Nach einigen Jahren in einer Düsseldorfer Anwaltspraxis wechselte ich in den 80er-Jahren nach Hamm und wurde als Anwältin am dortigen Oberlandesgericht zugelassen.

FINT Artikel Quer 25 likeaboss tasse © Photo by Brooke Lark on Unsplash

Das Oberlandesgericht war damals noch eine rein männliche Institution. Bei Verhandlungen wurden ausschließlich die anwesenden Herren begrüßt – obwohl ich daneben stand. Ich kam mir komisch vor und habe mich darüber geärgert, je häufiger das vorkam. Es entstand ja auch bei meinen Mandanten der Eindruck, dass ich als Frau nicht ernst genommen wurde. Ich fühlte mich dadurch immer unter Druck, mich besonders einsetzen und arbeiten zu müssen, um überhaupt akzeptiert zu werden.

Aber ich wusste nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte; zu dem Zeitpunkt war ich ja noch sehr jung, gerade mal Mitte, Ende 20. Mit den Jahren habe ich dann gemerkt, dass man sich nicht beeindrucken lassen darf, sondern mit sich im Reinen bleiben muss. Es bringt nichts, sich still in sich hineinzuärgern und nichts zu sagen, bloß um nicht anzuecken. Man muss sich wehren, wenn man etwas als ungerecht empfindet – selbst wenn das anstrengend ist, einen unbeliebt werden lässt. Was bringt es, wenn man sich mit jedem versteht, aber nur weil man alles mit sich machen lässt?

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Daran habe ich mich gehalten und mich eingesetzt, wenn ich etwas als ungerecht empfand. Natürlich hat mein Einsatz nicht immer etwas gebracht. Aber ich habe es trotzdem niemals bereut, bei keiner einzigen Situation – und genau deswegen würde ich das auch jedem anderen empfehlen. Lasst nicht alles mit euch machen, setzt euch ein, wenn es euch am Herzen liegt!

13.10.2020