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Banken

Geht grünes Investieren überhaupt?

Mit nachhaltigen Anlagen die Welt verbessern und gleichzeitig viel Geld verdienen: Das wollen momentan viele. Aber ist das zu schön, um wahr zu sein?
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© Photo by Annie Spratt on Unsplash
15.09.2020

Nachhaltigkeit liegt im Trend – auch an der Börse. Dort sind „grüne“ Anlagen gerade hoch im Kurs. Teilweise ist es deswegen schwierig, den Überblick zu behalten: Welche Investitionen sind wirklich nachhaltig, welche nur Nepp?

Am 20. August 2018 sitzt eine schwedische Jugendliche mit blonden Zöpfen vor ihrer Schule und hält ein Schild hoch. „Skolstrejk för klimatet“ steht darauf, „Schulstreik fürs Klima“. Sie ist ganz allein, aber offensichtlich fest entschlossen, mit ihrem Protest-Plakat für ein besseres Klima und einen besseren Umweltschutz zu kämpfen.

Seit diesem Tag vor zwei Jahren ist viel passiert: Greta Thunberg ist nicht mehr allein, die mittlerweile 17-Jährige ist um die ganze Welt gereist, hat überall mit hochrangigen Politikern gesprochen, sogar eine viel beachtete Rede vor der UN gehalten – und vor allem hat sie mit ihrem Protest dafür gesorgt, dass Klimaschutz in aller Munde ist.

2020 09 FINT Artikel Quer Green Investment 04 unsplash ybmvwdgkhz Q © Photo by Thomas Dils on Unsplash

Denn es ist längst nicht mehr nur Greta, die sich für den Klimaschutz einsetzt: Bei der aus ihrem Streik entstandenen Bewegung „Fridays for Future“ engagieren sich Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Kein Wunder, dass auch Unternehmen Nachhaltigkeit ernst nehmen – und das Thema sogar vor der Börse keinen Halt macht: Nachhaltige Geldanlagen boomen.

Investieren? Aber bitte nachhaltig

Denn die Anleger investieren immer häufiger in Finanzprodukte, die nach den sogenannten ESG-Kriterien ausgewählt werden – also Produkte, die als nachhaltig gelten: entweder im Umweltschutz (Environment), bei ihrer sozialen Verantwortung (Social) oder aufgrund ihrer besonders nachhaltigen Unternehmensführung (Governance).

Für solche nachhaltigen beziehungsweise besonders verantwortlichen Geldanlagen hat sich der Begriff „Sustainable Finance“ etabliert. Dabei ist die Bandbreite sehr groß: Es geht zum Beispiel um die Vermeidung von Treibhausgasemissionen, Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Diversität oder Anti-Korruption. Spricht man von ESG und Sustainable Finance sind damit grundsätzlich auch die Bereiche soziale Verantwortung und Governance gemeint. Der Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit steht dennoch oft im Vordergrund, da er besonders dringlich ist und gesetzlich immer stärker geregelt wird.

Belegt: Wirtschaftlich sinnvoll

2019 flossen in Deutschland rund 269,3 Milliarden Euro in nachhaltige Anlagen – 23 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Institutionelle Anleger steuern mit 154,3 Milliarden Euro den größten Anteil bei, also Organisationen wie Versicherungen, Investmentgesellschaften, Krankenkassen, Unternehmen oder Kirchen, Vereine und Stiftungen.

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Ein Grund für das rasante Wachstum: Viele institutionelle Anleger haben erkannt, dass nachhaltige Geldanlagen sich nicht nur für eine gute, möglichst grüne Außendarstellung eignen, sondern tatsächlich auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehr sinnvoll sind und sich deswegen ökonomisch lohnen.

Das belegt eine Meta-Studie, also eine Zusammenfassung mehrerer Studien: Dafür hat 2018 unter anderem die Uni Hamburg etwa 2.000 empirische Untersuchungen ausgewertet. Sie zeigt deutlich, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Berücksichtigung von ESG-Kriterien und dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen gibt.

Problem: Fehlende Einheitlichkeit

Derzeit ist die Anwendung von ESG-Kriterien allerdings weder einheitlich noch verbindlich. So kann jeder Fondsmanager selber entscheiden, ob er auf Nachhaltigkeitsaspekte achten möchte. Zudem gibt es eine große Zahl von verschiedenen Nomenklaturen, Screenings und Scorings, sodass es manchmal schwer ist den Überblick zu behalten.

Hier kommen sogenannte Nachhaltigkeits-Ratingagenturen ins Spiel: Sie überprüfen nachhaltige Anlagen, checken verschiedene Kriterien und fertigen Scorings an. Indexanbieter wie etwa Thomson Reuters bieten ähnliche Dienstleistungen an.

2020 09 FINT Artikel Hoch Green Investment 03 unsplash 3 Pn7 Ybe s © Photo by 贝莉儿 DANIST on Unsplash

Die Kriterien, die sie überprüfen, wurden häufig von internationalen Organisationen entwickelt, wie der Global Sustainable Alliance (Zusammenschluss nationaler Organisationen) oder der European Funds and Asset Management Association (Unternehmensverband). Ein wichtiger Bestandteil der Nomenklaturen ist der Ausschluss von nicht-nachhaltigen Investments bzw. negativen Screenings: Dabei werden verschiedene Unternehmen oder Branchen von einem Investment ausgeschlossen – etwa im Zusammenhang mit Korruption, Bestechung, Umweltzerstörung sowie Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen.

Neben dem negativen Screening gibt es weitere Ansätze, bei denen Kapitalanlagen gezielt nach Positivkriterien ausgewählt werden. Verbreitet ist hier vor allem der Best-in-Class-Ansatz: Hier werden alle Produkte innerhalb einer Branche nach ethisch-nachhaltigen Aspekten verglichen und selektiert.

Viel Raum für Interpretation

Doch unabhängig vom jeweiligen Ansatz ist die Frage, wie gründlich die freiwilligen Anforderungen eingehalten werden, nur schwer zu beantworten. Das liegt auch daran, dass Nachhaltigkeit ein weitläufiges Feld ist und sich in einer Vielzahl von unterschiedlichen Maßnahmen zeigt, die sich nur schwer messen lassen.

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Das kann mitunter zu völlig unterschiedlichen Bewertungen durch die Ratingagenturen führen. Wie zum Beispiel bei dem amerikanischen Autobauer Tesla, der von der Ratingagentur MSCI ESG in einem Scoring mit 65 von 100 Punkten bewertet wurde, bei Sustainalytics und RobecoSAM allerdings nur 28 bzw. 13 Punkte von 100 erhielt. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem, denn die vielen verschiedenen Ansätze und Scorings geben Anbietern Spielräume für irreführende Behauptungen über die Nachhaltigkeit und den Umweltnutzen eines Produkts.

Immer wieder entsteht so der Verdacht des Greenwashings, also dem Aufbau eines umweltfreundlichen Images, das allein zu PR-Zwecken genutzt wird und dem keine nachhaltigen Unternehmenspraktiken zugrunde liegen. Greenwashing kann sowohl bei ökologischer Nachhaltigkeit als auch bei den beiden anderen ESG-Bereichen, sozialer Verantwortung und Governance, vorkommen (gelegentlich auch „Whitewashing“ genannt). Um diese Aspekte ausschließen zu können, sollen in naher Zukunft neue EU-Regularien verabschiedet werden.

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Die Politik will unterstützen

„Wer sich für Nachhaltigkeit oder ein grünes Investment entscheiden will, muss wissen was grün ist. Nur dann lässt sich Greenwashing ausschließen und Anleger bekommen mehr Klarheit“, sagt Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission und Kommissar für Wirtschaft und Kapitaldienstleistungen. Er will Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent machen und dafür nachhaltigere Anlagemöglichkeiten schaffen.

Im Zentrum steht dabei der EU-Aktionsplan, der mit der Taxonomie-Verordnung verbindliche Kriterien für die Bewertung von nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten vorsieht. Sie soll den europäischen Kapitalmärkten in Zukunft als einheitlicher Standard dienen und Emittenten zu einer transparenteren Berichterstattung verpflichten. Dabei unterscheidet sie zwischen verschiedenen Kriterien der ökologischen Nachhaltigkeit, unter die ein Anbieter seine Produkte zählen kann. Nicht-ökologische Aspekte der Nachhaltigkeit werden dagegen in der Transparenz-Verordnung geregelt. Sie besagt, dass Anbieter von ESG-Produkten vorvertragliche Informationen veröffentlichen müssen, die darlegen, wie ökologische und ethische Nachhaltigkeitskriterien eingehalten werden.

Zusätzliche Garantien für Anleger

Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Benchmark-Verordnung, die zwei neue Benchmarks für ökologische Nachhaltigkeit beinhaltet. Das sind Marktstandards und Vergleichsgrößen, die Investoren verlässliche Information über die Performance eines Finanzprodukts geben. Viele Anbieter orientieren sich deshalb an ihnen und versuchen die vorgegebenen Referenzwerte nicht zu unterschreiten.

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Die neuen Nachhaltigkeits-Benchmarks beziehen sich vor allem auf CO2-Werte und lassen eine Unterscheidung in nachhaltige und besonders nachhaltige Produkte zu. Bei den besonders nachhaltigen Produkten wird sichergestellt, dass das investierte Kapital nur in solche Unternehmen fließt, die sich aufgrund ihres geringen CO2-Austoßes auch im Einklang mit dem 1,5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens befinden. Die beiden Verordnungen stellen für Anleger wichtige Garantien zur Vermeidung von Greenwashing dar und sollen in ihrer finalen Version von der Europäischen Kommission im September vorgestellt werden.

15.09.2020