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GameStop-Zockende: zwischen Korrektiv und Brandbeschleuniger

Der Kampf um GameStop zeigt: Hedgefonds können zum Problem werden, doch organisierte Flashmob-Trades sind nicht die Lösung.
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Photo by Dimitris Chapsoulas on Unsplash
15.02.2021

„Power to the Players” – für viele Kleinanlegende ist der GameStop-Werbeslogan zum Wahlspruch einer Bewegung geworden. Ihr Angriffsziel: Hedgefonds, die gegen die Aktie des Spiele-Ladens gewettet haben. Ein Lehrstück über Profitgier, die Gefahren der Finanzmärkte und das schnelle Geld.

Umsatzeinbußen, Ladenschließungen und Angst vor der Pleite – bis vor Kurzem schien der amerikanische Videospielhändler GameStop mit seinen weltweit etwa 7.500 Filialen, ein gefundenes Fressen für Hedgefonds-Manager zu sein. Mit Leerverkäufen wetteten sie auf seinen Untergang. Coronabedingte Umsatzausfälle und der Trend zum Online-Gaming ließ sie glauben, dass ihre Wette aufgehen würde. Doch dann geschah das Undenkbare: Der Kurs der GameStop-Aktie schnellte nach oben – in unfassbare Höhen.

Verzockt: Shortseller in der Falle

Mitte Januar notierte die GameStop-Aktie noch bei knapp 20 Dollar, bis zum 26. Januar ging sie bereits auf 87 Dollar hoch. Am 28. Januar schoss der Kurs dann urplötzlich auf 468 Dollar steil nach oben, nur um wenige Tage später wieder auf ein Niveau von etwa 50 Dollar zurückzufallen.

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Doch wie war diese kurzfristige Kursexplosion zu erklären? Realwirtschaftliche Gründe hatte der Höhenflug nicht. Vielmehr handelte es sich um ein relativ alltägliches, wenn auch riskantes Börsengeschäft, das durch einen Angriff organisierter Kleinanlegender torpediert wurde. Die Rede ist von sogenannten Leerverkäufen, auch Shortsales oder Short-Positionen genannt. Mit ihnen wetten Hedgefonds bei überbewerteten Unternehmen auf fallende Kurse, indem sie Aktien verkaufen, die sie gar nicht besitzen, sondern sich gegen Gebühr leihen. Die Leihe schließen sie mit normalen Investment Fonds ab, die die Aktien in großer Anzahl halten. Anschließend verkaufen die Hedgefonds sie umgehend weiter, in der Erwartung, dass sie bis zum Ende des Leihgeschäfts an Wert verlieren. Dann kaufen sie die Papiere günstig zurück. Mit der Differenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufspreis (minus Gebühr) erzielen sie einen satten Gewinn – zumindest, wenn alles so läuft wie geplant.

Im Fall von GameStop machte ihnen allerdings eine organisierte Schar von Kleinanlegenden einen Strich durch ihre Rechnung. Wohl wissend, dass Hedgefonds wie Melvin Capital und Citron die GameStop-Aktie „geshortet“ hatten, kauften sie das Papier in großen Mengen ein, verknappten so das Angebot und trieben den Preis in die Höhe. Für die Leerverkaufenden, die aufgrund ihrer ungedeckten Short-Positionen zum baldigen Rückkauf gezwungen waren, ein finanzielles Desaster. Denn anders als bei normalen Aktiengeschäften, bei denen ein möglicher Verlust auf den Wert der Aktie begrenzt ist, verlieren Leerverkäufe bei einem „Short Squeeze“ in dem gleichen Maße, wie der Kurs nach oben getrieben wird. Und bei einer Rally gibt es theoretisch kein Ende, weshalb es zu einem Wettbieten von astronomischen Ausmaßen kam, das von den Reddit-Aktivisten und -Aktivistinnen bewusst herbeigeführt wurde.

David gegen Goliath

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Doch warum verabreden sich Millionen Kleinanlegender zu einer solchen Aktion? Glaubt man einem offenen Brief des Reddit-Users „SSauron“, so trieb die Internet-Community vor allem die Wut über die Rücksichtslosigkeit und Profitgier der Hedgefonds an. Auch andere „Bekennerschreiben“ argumentieren in diese Richtung und zeichneten ein Bild von verzweifelten Kleinanlegenden, die vergeblich für Eigenheim und Altersvorsorge sparen. Ein angeblicher Klassenkampf zwischen privilegierten Großkapitalisten und einfachen Bürgern und Bürgerinnen, die sich in Reddit-Foren wie „WallStreetBets“ zum Widerstand organisierten. Ihre Waffe: Social-Investing-Apps wie Robinhood, die mit niedrigschwelligen Angeboten die Demokratisierung des Aktienhandels versprechen.

Ob derartige Bekennerschreiben jedoch glaubwürdig und repräsentativ für die Mehrheit der Reddit-Army sind oder bloß eine vorgeschobene Rechtfertigung darstellen, lässt sich nur schwer sagen. Klar ist dagegen, dass ungedeckte Leerverkäufe immer wieder im Verdacht stehen, die Straftat der Marktmanipulation zu erfüllen (Porsche-Volkswagen-Coup) und bei Turbulenzen an der Börse häufig verboten werden (Finanzkrise 2008). Der Grund: Leerverkäufe können einen enormen Einfluss auf das Marktverhalten haben, indem sie Zweifel über den realen Wert einer Aktie streuen, zum Verkauf animieren und dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Beauftragt durch Banken besteht die Aufgabe von Leerverkäufen darin, die Wirtschaftlichkeit der am Markt Teilnehmenden zu überprüfen und überbewertete Kurse zu korrigieren. So sollen „lame ducks“ entlarvt und Anlegende vor Fehleinkäufen geschützt werden. In dieser Funktion als private Marktaufsicht können Shortseller eine wichtige Rolle einnehmen, wie Wirecard oder Nicola zeigen. Liegen sie jedoch mit einer ihrer Bewertungen falsch, werden sie plötzlich selbst zum Problem. Dass es früher oder später zu Fehleinschätzungen kommen muss, liegt angesichts der Komplexität der Märkte auf der Hand.

Hedgefonds in Schieflage

So auch im Fall GameStop, wo Hedgefonds einen leichten Aufwärtstrend der Handelskette zum Anlass nahmen, die Aktie zu „shorten“. Ursache des Anstiegs war der amerikanische Investor Ryan Cohen, der 2020 rund neun Millionen GameStop-Aktien kaufte, um die Handelskette zu einem Onlineshop umzubauen – dem „Amazon der Videospielindustrie“. Doch als bekannt wurde, dass Hedgefonds gegen den Spieleladen wetteten, machte schnell die Rede vom Bankrott die Runde und Cohens Plan geriet ins Wanken. Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Shortseller allerdings noch nichts vom darauffolgenden Aufstand. Heute ist klar, dass Melvin Capital, Citron und Co. mit ihren Leerverkäufen Milliardenverluste gemacht haben.

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Ohne die finanzielle Unterstützung des Wettbewerbers Citadel wären sie wahrscheinlich pleite. Auf der anderen Seite dürften etliche Kleinanlegende aus dem Reddit-Forum das Geschäft ihres Lebens gemacht haben (allerdings auch Blackrock und andere Anteilseigner). Zumindest diejenigen, die früh an dem Angriff teilgenommen und rechtzeitig verkauft haben.

Doch spätestens, als Robinhood und andere Broker den Kauf von GameStop-Aktien sperrten und der Nachfrage damit den Hahn zudrehten, dürfte klar geworden sein, dass der Höhenflug nur eine Momentaufnahme war. Nun ermitteln die BaFin und die US-Börsenaufsicht gegen die Reddit-Army, die ihren Angriff später an anderer Stelle vorsetzte und eine ganze Reihe von „Meme-Aktien“ ins Visier nahm, darunter Nokia, AMC Entertainment, Koss Corp. den Silberpreis und viele mehr.

Lösung oder Teil des Problems?

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Und so bleibt vor allem die Frage, wie mit Leerverkäufen und organisierten Angriffen in Zukunft umgegangen werden soll. Stellt der Widerstand eine berechtigte Form von antikapitalistischem Aktivismus dar oder ist er selbst nur ein Teil dessen, was er zu kritisieren vorgibt? Sicher ist, dass Investing-Apps wie Robinhood den Zugang zum Aktienmarkt erleichtern, was einen Gewinn an finanzieller Autonomie bedeuten kann. Damit einher geht jedoch nicht, dass man sich völlig frei von jeglichen Konsequenzen zu Raubzügen verabreden kann. Auch sind die Ungleichverteilung von Wohlstand und die damit einhergehenden Machtverhältnisse noch immer die gleichen. Das zeigt auch die erzwungene Kaufsperre auf Robinhood – der gebührenfreien Finanz-App, die ihr Geld damit verdient, Nutzerdaten u. a. an Citadel zu verkaufen. Also an den Investmentfonds, der Melvin Capital und Citron gerettet hat. Immerhin: Einige der Reddit-Aktivisten und -Aktivistinnen wurden zu einer Anhörung im US-Kongress eingeladen, da die „Wirtschaft für alle und nicht nur für die Wall Street funktionieren soll“, so US-Senator Sherrod Brown. Auch ein Film zum Börsenkrimi soll bereits in Planung sein.

15.02.2021