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Facebooks Kryptowährung: Keine Angst vor Libra!

Facebook hat für 2020 die Kryptowährung Libra angekündigt. Was bringt das digitale Geld? Die Antworten dazu im Interview.
FINTROPOLIS Social Posts September LY39 © Photo by rawpixel.com on Pexels
04.10.2019
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Facebook bringt zusammen mit weiteren großen Unternehmen wie Spotify, Mastercard und Uber eine eigene Kryptowährung an den Start. Während Politiker, Datenschützer und Banken reflexartig vor „Libra“ warnen, ist Christopher Weßels, Blockchain-Experte der Fiducia & GAD, von einem möglichen Erfolg des digitalen Gelds überzeugt. Lesen Sie im Interview seine Argumente.

Christopher, als Blockchain-Experte beschäftigst du dich intensiv mit Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie. Erläutere uns doch bitte, was Libra ist und wie es sich von Bitcoin und anderen Kryptowährungen unterscheidet!

C. W.: Das Spannende an Libra ist, dass vieles lediglich Spekulationen sind, weil so wenig erst bekannt ist. Für mich hat Libra aber das Potenzial die Währung des Internets zu werden. Libra wird oft als Kryptowährung bezeichnet – darüber wird aber noch gestritten. Aus meiner Sicht vereint Libra durch den offenen Zugang sowie schnelle, direkte Bezahlungen Aspekte der Kryptowährungen mit denen einer regulierten Bankenwelt und dem Bedarf an Verantwortung und Regulatorik in der analogen Welt.

Die Coins werden nicht einfach so erzeugt, sondern eine Verwaltungsorganisation, die Libra Association, wird Fiat-Geld, also anerkannte Währungen die wir heute „Geld“ nennen, gegen Coins tauschen. Es liegt also das System der Stablecoins zugrunde. Diese Organisation will treuhänderisch das Fiat-Geld in unterschiedlichen Devisen oder Anleihen verwalten und zeichnet sich auch für die Einhaltung der Regulatorik verantwortlich. Dadurch lässt sich der Wert eines Coins in einer realen Währung bemessen, das digitale Geld hat einen realwirtschaftlichen Wert.

Um das sicherzustellen, wird das Libra-Netzwerk in den nächsten Jahren auch nicht als „permissionless Blockchain“ betrieben werden, bei der wie bei Bitcoin jeder einfach mitmachen kann. Die Unternehmen, die sich in der Libra Association zusammengetan haben, betreiben ein permissioned, also ein im Zugang beschränktes, Blockchain-Netzwerk. Allerdings hat sich Libra auf die Fahne geschrieben, mit dem Fortschreiten der Blockchain-Technologie auch den Weg zu einer permissionless, also einer offenen, Blockchian angehen zu wollen. Das ist aber bisher noch Zukunftsmusik.

Viele Fragen wie etwa zur Privatsphäre, Legitimation, rechtlicher Status etc. sind noch nicht beantwortet. Deshalb müssen wir abwarten, was und wie Libra wirklich sein wird. Besonders der Aspekt Privatsphäre kann die Achillesferse werden.

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Du hast eben die die Libra Association erwähnt - was hat es damit auf sich?

Weil Facebook Libra initiiert hat, ist erst mal untergegangen, dass da noch andere Firmen mit an Bord sind. Unternehmen wie Uber, Spotify und Mastercard haben sich mit Facebook zusammengetan und zur Verwaltung der Kryptowährung die Libra Association gegründet. Dieser Zusammenschluss ist ähnlich einer Genossenschaft organisiert, deren teilhabende Firmen sehr daran interessiert sind, ein funktionierendes System aufzubauen und aufrecht zu erhalten. In der Satzung finden sich viele Hinweise darauf, dass in der Organisation kein Machtungleichgewicht entstehen soll. Der große Vorteil dieser Association ist, dass es einen konkreten Ansprechpartner gibt, der haftbar gemacht und reguliert werden kann – der also als Verantwortlicher für das System dasteht. Hier liegt ein großer Unterschied zum offenen System von Bitcoin.

Warum braucht Facebook eine eigene Währung?

Wie gesagt, Facebook steckt nicht allein hinter Libra. Internetunternehmen wie Spotify, Paypal und Ebay sind ebenfalls an der digitalen Währung beteiligt. Sie alle haben Bedarf an einer eigenen Bezahllösung, die über Landesgrenzen und nationale Währungen hinaus funktioniert. Und da die bestehenden Systeme hierfür keine adäquate Lösung bieten, haben die Unternehmen nun selbst das Steuer in die Hand genommen.

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Und umgekehrt: Warum brauchen wir noch Libra, wo es doch Paypal und Kreditkarten, Apple Pay und Bitcoin gibt?

Für User ist die Kryptowährung natürlich aus dem gleichen Grund wie für die Unternehmen reizvoll: Sie können nun Dienstleistungen aus anderen Ländern in Anspruch nehmen, ohne umständliche Wechselkurse oder komplizierte Bezahlverfahren in Kauf nehmen zu müssen. Und wenn Facebook Nutzer für das Ansehen von Werbespots mit Libra Coins belohnt oder der Uber-Fahrer Prämien in der digitalen Währung erhält, dann ist man schnell in dem Ökosystem gebunden.

Ein weiterer Vorteil: Für Transaktionen benötige ich eigentlich ein Bankkonto. Mit Libra werde ich mir aber einfach eine Wallet über meinen Facebook- oder WhatsApp-Account einrichten können. Der Zugang dort soll deutlich offener als bei herkömmlichen Banksystemen, aber dennoch etwas kontrollierter als im Bitcoin- oder Ethereum-System sein.

Facebook musste sich bereits dem US-Kongress bei einer Anhörung stellen, zudem ermittelt die EU-Kommission gegen Libra. Warum ist die Währung schon vor ihrem Start so stark in der Kritik?

Natürlich bietet allein der Name Facebook mit den bekannten Datenskandalen genug Zündstoff, um Libra automatisch zu verteufeln. Auch die potenzielle Möglichkeit der Kombination von sozialen und finanziellen Daten ist aus meiner Sicht ungemein kritisch. Vermutlich haben sich die meisten, die reflexartig mit Verbot drohen, aber nicht intensiv mit Libra auseinandergesetzt. Es ist zum Beispiel noch offen, wie Libra die Privatsphäre sicherstellen will, aber die Beteiligten wissen, dass dies ein Erfolgsfaktor sein wird und arbeiten an diesem Thema. Der Quellcode ist Open Source und kann von jedem eingesehen werden. Zudem wird Libra nicht in der Hand eines einzelnen Unternehmens sein. Stattdessen gehe ich davon aus, dass die Unternehmen sich auch gegenseitig kontrollieren. Das sind die Vorteile, die wir auch aus der Blockchain-Welt kennen.

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Ich finde, dass wir uns vor Libra weder verschließen noch es unterschätzen sollten – aufhalten kann man diese Entwicklung ohnehin nicht. Aus meiner Sicht kann da – an den Banken vorbei – etwas richtig Großes entstehen, wenn die Beteiligten bei Libra ihre Hausaufgaben machen. Wir sollten Respekt vor diesem Ökosystem haben. Die Angst ist zwar nachvollziehbar, denn Banken könnten durch Libra Marktanteile verlieren. Aber ein reflexartiges Verbot wird uns hier nicht weiterhelfen. Wir müssen uns mit dieser neuen Welt auseinandersetzen und Produkte und passende Lösungen finden. Denn das, was Libra derzeit macht, ist an sich Bankgeschäft.

Okay, aber Schockstarre kann doch nicht die Lösung sein. Wie können Banken also reagieren?

Ich sehe zum Beispiel die Möglichkeit, sich bei Libra zu beteiligen, als Chance. Wer Teil von Libra sein möchte, kann direktes Mitglied in der Association werden. Sobald der Fonds, der die Kryptowährung sichert, Gewinne ausspuckt, erhalten diese Mitglieder eine Dividende.

Wer lieber abwarten möchte, wie sich Libra entwickeln wird, der hat auch später noch die Möglichkeit, einzusteigen. Als Reseller kann man auch dann noch Teil des Netzwerks werden: Abhängig von der Menge an Coins, die man als Reseller hält, soll man Stimmrechte in der Libra Association bekommen. Nehmen wir Paypal und Mastercard: Warum sind diese beiden Unternehmen an Libra beteiligt? Immerhin handelt es sich um ein Konkurrenzprodukt, machen sie sich da nicht überflüssig? Nein, denn sie haben das Potenzial und die Vorteile erkannt, Teil dieses Ökosystems zu sein.

Infos zur Person

Christopher Weßels arbeitet bei der Fiducia & GAD in Münster im Bereich Architektur und Innovation. Er beschäftigt sich mit allen Facetten der Blockchain-Technologie und deren Impact auf die Bankenwelt. Darüber hinaus ist er verantwortlich für die gesamtheitliche IT-Architektur der Zahlungsverkehrssysteme der Fiducia & GAD.

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