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Banken

Dunkle Wolken über dem Finanzplatz London

Weniger Personal, Kapitaleinlagen und Börsengeschäfte – so hart trifft der Brexit die britische Finanzbranche.
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10.02.2021

Der Finanzplatz London gehört zu den bedeutendsten der Welt, doch aufgrund des Brexits verschieben viele Banken ihr Personal und Vermögen Richtung EU. Für Brüssel eine Chance, sich von Europas Finanzzentrum zu emanzipieren. Für London eine Trennung mit ungewissem Ausgang.

Sündhaft teure Sportwagen, kostspielige Luxusuhren und maßgeschneiderte Anzüge - wer in der City of London arbeitet, dürfte Geldsorgen nur aufgrund seines ausschweifenden Lebensstils kennen. Immerhin gilt Europas größter Finanzplatz als einer der Orte mit den bestbezahlten Jobs überhaupt. Mit dem Beginn dieses Jahres könnte sich das jedoch ändern, bricht der City of London aufgrund des Brexits ein Großteil ihres Europageschäfts weg.

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Keine Äquivalenz für Großbritannien

Dabei hatte die britische Regierung fast fünf Jahre mit der EU über einen Post-Brexit-Vertrag verhandelt. Doch im Unterschied zu anderen Sektoren, der Fischerei oder dem Handel, spielte die Finanzbranche dabei nur eine untergeordnete Rolle. Und das, obwohl sie mit einem jährlichen Umsatz von mehr als 132 Milliarden Pfund (150 Milliarden Euro, Stand 2018) knapp sieben Prozent der britischen Wirtschaftsleistung ausmacht und rund eine Million Banker und Fondsmanager beschäftigt (davon fast 400.000 in London). Wie wichtig die Finanzbranche für Großbritannien ist, zeigt auch ein Blick auf die Handelsbilanz. Hier liegt das Königreich seit vielen Jahren deutlich im Minus. 2018 landete man bei einem Gesamtdefizit von 38 Milliarden Pfund (43 Milliarden Euro). Anders die Finanzbranche, die im selben Jahr einen Überschuss von 63 Milliarden Pfund (71 Milliarden Euro) erwirtschaftete (inklusive Versicherungsunternehmen). Dabei gingen rund 40 Prozent der exportierten Finanzdienstleistungen nach Europa.

Infobox

Britischer Finanzsektor 2018

  • Arbeitsplätze: Insgesamt rund eine Million direkt Beschäftigte, davon 400.000 in London
  • Wirtschaftsleistung: 132 Milliarden Pfund, 7 Prozent des britischen Gesamt-BIPs, davon 49 Prozent in London
  • Handelsbilanz: 63 Milliarden Pfund Überschuss (Gesamthandelsbilanz: 38 Milliarden Defizit)
  • Steuern und Abgaben: 75 Milliarden Pfund, rund 11 Prozent des britischen Gesamtsteueraufkommens
  • EU-Exporte: 32,8 Milliarden Pfund (40 Prozent der Gesamtexporte)

Doch mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU hat sich das nun geändert. So ist dem Königreich das Anbieten von Finanzdienstleitungen im europäischen Binnenmarkt seit Beginn des Jahres untersagt. Um das zu ändern, müsste die EU erst die britischen Regulierungs- und Aufsichtssysteme als gleichwertig anerkennen (sogenannte Äquivalenzregelung). Derartige Pläne scheint es in Brüssel momentan nicht zu geben. Von den fast 40 verschiedenen möglichen Äquivalenzanerkennungen für Aktienhändler, Vermögensverwalter oder Investmentbanken sind bisher nur zwei erteilt worden. Darunter eine Ausnahme für britische Clearing-Häuser, die rund 90 Prozent des europäischen Derivatehandels abwickeln. In diesem Dienstleistungsbereich können EU-Kunden noch für die nächsten 18 Monate auf Londoner Unterstützung zurückgreifen. Was danach geschieht? Unklar.

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Europas Chance auf mehr Souveränität?

Für Londons Finanzdienstleister eine unbefriedigende Situation, die sich durch eine höhere Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Standorts jedoch verbessern ließe. Damit gemeint sind Steuersenkungen und Deregulierungen, die Finanzminister Rishi Sunak kürzlich in Aussicht stellte. In einer Rede wandte er sich an Londons Trader und sprach von einem „Big Bang 2.0“, eine Referenz auf den Deregulierungsboom der britischen Finanzmärkte unter Margaret Thatcher Mitte der 80er-Jahre. Auch Premierminister Boris Johnson versicherte in einem Gespräch mit Top-Managern, den Finanzsektor künftig stärker fördern zu wollen. Das Credo: Soviel Geschäft und Umsatz wie möglich. Aus diesem Grund lässt Großbritannien auch weiterhin die meisten seiner Marktschranken für EU-Staaten geöffnet.

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Die EU dagegen will sich vom Finanzplatz London unabhängiger machen. Eine Taktik, die sich bisher als erfolgreich erwiesen hat. So haben seit dem Referendum bereits über 7.500 Arbeitsplätze die City of London Richtung EU verlassen, wie die Unternehmensberatung EY Ende 2020 berichtete. Dazu kommen 2.800 weitere Jobs, die laut Umfrage in der EU neu entstehen sollen. Als Hauptprofiteure werden die Finanzzentren Dublin, Luxemburg, Frankfurt und Paris genannt. Ähnlich sieht es beim Aktienhandel aus. Hier wanderten zur Börseneröffnung 2021 etwa sechs Milliarden Euro Handelsvolumen aus London nach Paris, Amsterdam und Co. ab - fast die Hälfte des Londoner Aktienhandels. Dazu kommen deutliche Verluste bei den in London verwahrten Vermögen. Ganze 1,4 Billionen Euro wurden in den vergangenen Jahren von der Insel auf das Festland bzw. nach Irland transferiert. Ein Teil davon ist in bereits bestehende EU-Niederlassungen geflossen, in anderen Fällen wurden eigens neue Filialen gegründet, um aus dem Binnenmarkt heraus arbeiten zu können. Eine Option, von der bis Oktober 2020 über 400 britische Finanzdienstleistern Gebrauch gemacht haben.

Unsicherheit in der City of London

Mit den Abwanderungen bei Personal, Kapitaleinlagen und dem Börsengeschäft sowie der schwierigen Lage rund um das mutierte Coronavirus steht die City of London vor schweren Zeiten. Umso mehr dürften britische Finanzdienstleister darauf hoffen, dass es bei der Äquivalenzregelung noch einmal zu einem Durchbruch kommt. Immerhin sind die Regelwerke von Großbritannien und der EU nahezu identisch. Eine Anerkennung hängt also allein vom politischen Willen Brüssels ab. Dort ist man sich jedoch bewusst, dass die Äquivalenzregelung ein wichtiges politisches Druckmittel darstellen kann. Was das bedeutet, zeigt ein Blick Richtung Schweiz. Dort kam es 2018 zu einem Streit um das institutionelle Rahmenabkommen, ein Dokument, dass die Eidgenossen im Kontext ihres Binnenmarktzugangs stärker an die Rechtsprechung der EU binden soll. Die Schweizer fürchteten um ihre Souveränität und hielten mit ihrer Unterschrift zurück, was die EU kurzerhand dazu veranlasste, ihnen die Börsenäquivalenz zu entziehen. Seit 2019 dürfen Schweizer Aktien nicht mehr an EU-Börsen gehandelt werden. Zwischen den Regierungen herrscht ein diplomatischer Streit, das Rahmenabkommen wird im Schweizer Bundesrat noch immer diskutiert.

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Großbritannien will sich dagegen auf eine gegenseitige Börsenäquivalenz mit der Schweiz einigen. Diplomatische Spielchen, die bei den Verhandlungen mit der EU nur wenig helfen dürften, genauso wie die schwierige finanzielle Lage des Königreichs. Staatshilfen, Corona-Ausfälle und Brexit-Einbußen haben gefährliche Löcher in die Staatskassen gerissen. Derzeit kämpft die Regierung mit einer Neuverschuldung, die um ein Viertel höher ist als die im schlimmsten Schuldenjahr (2009/10) der Finanzkrise von 2008. Gleichzeitig fallen aufgrund des Wirtschaftseinbruchs etliche Steuereinnahmen weg: 2020 verzeichnete Großbritannien einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von über zehn Prozent (EU-Währungsraum über sieben Prozent). Vor diesem Hintergrund dürfte die Finanzbranche, die immerhin ein Zehntel des gesamten Steueraufkommens erwirtschaftet, noch einmal an Bedeutung gewinnen. Steuererleichterungen für den Finanzplatz London, wie sie von Boris Johnson und Finanzminister Rishi Sunak angedeutet wurden, scheinen dagegen weniger realistisch.

London noch immer der zweitgrößte Finanzplatz der Welt

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So hat der Brexit bisher eher für dunkle Wolken über Londons Bankentürmen gesorgt als für die von der Regierung erhoffte Aufbruchstimmung. Im internationalen Vergleich gehört der Standort dennoch zur absoluten Weltspitze und steht laut dem Global Financial Centres Index aktuell immer noch auf Platz zwei. Die einzig andere Top-10-Platzierung aus Europa schafft Zürich mit Platz 10. Luxemburg, Frankfurt und Paris landeten auf Platz 12, 16 und 18. Eine Situation, an der sich aufgrund der Ausgangslage Londons in Zukunft wenig ändern dürfte. Zu stark sind Londons Verflechtungen zu anderen Welthandelsplätzen wie New York, Hong Kong, Singapur, Shanghai oder Tokio. Zu günstig Londons Lage und Zeitzone, die vielen Händlern als Brücke zwischen dem globalen Osten und Westen dient. Dazu kommt Londons riesiges Ökosystem aus internationalen Bankern, Anwälten, Fondsmanagern, Buchhaltern und PR-Spezialisten. Ein einmaliges Cluster, das die Stadt bei komplexen Dienstleistungen, wie zum Beispiel Börsengängen, zu einer Top-Adresse macht. Vor einem Bedeutungsverlust der „City“ muss sich das Vereinigte Königreich in den kommenden Jahren also keine Sorgen machen. Dennoch bleibt die Lage angespannt – denn die finanziellen Verluste durch den Brexit sind hoch.

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10.02.2021