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Leben

Warum Besitz allein nicht glücklich macht

Konsum ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Doch zugleich entscheiden sich mehr Menschen fürs minimalistische Leben.
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26.05.2020

Wir sind darauf trainiert, immer mehr zu wollen. Mehr Geld, mehr Besitztümer, mehr Statussymbole. Aber was passiert eigentlich, wenn wir uns diesem dauernden Drang nach mehr einfach verweigern?

Es geht meist ganz schnell und unbemerkt: Man kauft hier ein Paar Schuhe, dort noch ein Kleidungsstück – und warum nicht auch noch dieses schöne Bild mitnehmen? Auf diese Weise sammeln sich die Einkäufe schnell an. Und plötzlich steht man mit diversen Tüten, aber weniger Geld im Portemonnaie da …

Auch während der Corona-Krise kaufen viele Menschen weiter – nur dass sie das statt im Laden nun verstärkt online erledigen. So verzeichnen Paketdienste in Deutschland einen Anstieg von 5,2 auf knapp neun Millionen Pakete pro Tag. Doch warum steigt die Sendungszahl so stark an, wieso konsumieren wir – auch in einer Krise wie dieser – weiter?

Konsum ist instinktiv

Weil wir nicht anders können – auch nicht in einer Notlage wie der Corona-Pandemie. „Der Drang zu konsumieren und Dinge zu sammeln, ist schon seit der Urzeit in uns Menschen drin“, sagt die Psychologin Friederike Gerstenberg: „In der damaligen Zeit konnten wir nur überleben, indem wir möglichst viel gejagt und gesammelt haben.“

Dieses „Jagd- und Sammel-Programm“ sei immer noch ein Teil von uns. „Es sagt uns, dass wir alles mitnehmen sollten, was möglich ist.“ Und einen so tiefsitzenden Instinkt könnten wir kaum abstellen: „Wir können also gar nicht anders, als mehr zu wollen – auch nicht in der Krise. Wir sagen automatisch ‚Ja‘ zu allen Konsumgütern.“

2020 05 FINT Artikel Minimalismus Hoch 02 unsplash fr0 J5 GI Vyg Photo by Sarah Dorweiler on Unsplash

Das könne aber heutzutage – gerade bei dem enormen Angebot – schwierig werden. „Wenn ein Mensch sich im Konsum verfängt, kann das zur Sucht werden.“ Und auch ansonsten macht der dauernde Drang nach mehr nicht froh: „Weil Besitz allein nicht glücklich macht, wird das Leben als sinnentleerter wahrgenommen.“

Einkaufsstopp gegen den Konsumrausch

Doch wie kann man gegen seinen Konsum-Drang am besten vorgehen? „Wenn mich die ‚Immer mehr‘-Mentalität stresst, ist es wichtig, nach Stellschrauben zu suchen. Es ist sinnvoll, sein Konsumverhalten kontinuierlich zu überprüfen und sich anzuschauen, welches Bedürfnis man durch das Kaufen von Dingen befriedigen will.“

Ganz konkret würde Gerstenberg einen „Einkaufsstopp“ empfehlen. Das sei für wirklich jeden machbar und auch sofort umsetzbar. Und zwar folgendermaßen: „Man kann Wünsche zunächst notieren.“ Dann solle man einen Monat lang darüber nachdenken, ob man sich das Objekt der Begierde wirklich kaufen wolle.

„In der Regel brauchen wir 30 Wiederholungen, um eine unserer alten Gewohnheiten zu ändern oder eine neue zu etablieren.“ Deswegen sei ein Monat eine gute Zeiteinheit für das Einüben neuer Verhaltensweisen. Meist verschwinde der Wunsch in dem Zeitraum schon wieder von selbst – weil er eben nicht unbedingt nötig gewesen sei.

Minimalismus wird zum Trend

Solch ein bewusst zurückhaltendes Konsumverhalten legen tatsächlich immer mehr Menschen an den Tag – „es sind privilegierte Menschen, die sich für den Lebensstil entscheiden“, erklärt Psychologin Gerstenberg. Sie verdienten meist mehr als genug – aber verweigerten sich dennoch zügellosem Konsum.

Das sei überhaupt kein Widerspruch, sondern im Gegenteil nur folgerichtig: Der Minimalismus entstehe immer aus einem gesellschaftlichem „Völlegefühl“ heraus. „Vielen wird gerade bewusst, in was für einem Überfluss wir leben – und wie sehr wir die Ressourcen unserer Erde überstrapazieren.“

2020 05 FINT Artikel Minimalismus Quer 02 unsplash md AD Gzy XCVE Photo by Kelly Sikkema on Unsplash

Aktuell verbrauchten wir in der westlichen Welt mehr als doppelt so viele Ressourcen wie unser Planet hergibt. Das werde mehr Leuten klar, sie verstünden, was genau das für uns bedeutet – und darum entschieden sie sich bewusst und aus freien Stücken dafür, einen minimalistischen Lebensstil zu pflegen.

Entscheidung fürs minimalistische Leben

Eine dieser Personen, die sich für den minimalistischen Lebensstil entschieden haben, ist Petra. Allerdings ist bei ihr die Erkenntnis, dass viele von uns möglicherweise über unsere Ressourcen-Verhältnisse leben, schon vor längerer Zeit gekommen: Sie lebt seit zehn Jahren minimalistisch. „Bei mir war das ein längerer Bewusstseins- bzw. Bewusstwerdungsprozess“, erzählt sie.

Allerdings habe sie ohnehin nie im Überfluss konsumiert und bei Bedarf "viel lieber secondhand auf Flohmärkten gestöbert". Vor über zehn Jahren ist sie auf ein besonderes Buch zu den Themen „Ausmisten“ und „Loslassen“ gestoßen : „In ihm wurde nicht nur erklärt, wie man sich von unnötigem Ballast befreit, sondern auch, warum Menschen Materielles horten und nicht weggeben können.“

Sie sei fasziniert gewesen von der These, dass man für ein zufriedenes Leben einen Großteil der Dinge überhaupt nicht benötige, und habe intensiv darüber nachgedacht – und festgestellt: Sie brauchte tatsächlich nicht viel. Also sortierte sie aus. „Um manches tat es mir wirklich leid. Ich lese zum Beispiel gern und hatte immer davon geträumt, dass ich irgendwann meine eigene Bibliothek haben würde.“

2020 05 FINT Artikel Minimalismus Hoch 03 unsplash Qe Vm Jx Z Ov3k Photo by Sarah Dorweiler on Unsplash


Dort sollten alle Bücher stehen, die sie durchs Leben begleitet hatten. Die müsste sie nun aussortieren? Doch sie rang sich durch, gab die Bücher weg – „die Geschichten waren in meinem Kopf, das reicht, habe ich mir gesagt“ – und vieles andere ebenso, von Kleidung bis zu Möbeln. Neues kaufte sie nicht mehr, höchstens gebraucht.

Beim Minimalismus zählt der emotionale Wert

So halten sie – und ihr Mann – es bis heute. Und sie sortiert auch regelmäßig aus, wenn sich doch wieder zu viel angesammelt habe. Natürlich gebe es dabei auch schwierige Momente, etwa als ihre Mutter gestorben sei und ihr den Hausrat hinterlassen habe.

Sie habe ihn erst nicht aussortieren können. „Es ist mir unfassbar schwergefallen. Ich hatte bei jedem Gegenstand das Gefühl, dass ich ihn nicht weggeben kann, ohne damit auch ein Stück meiner Mutter zu verlieren.“ Sie habe für sich nur ausgewählte Dinge wie zum Beispiel einen Schal behalten, denn: „Er riecht nach ihr. Und ich will mich an den Geruch erinnern, so lange es geht.“

Abgesehen von diesem Moment sei sie aber mittlerweile recht emotionslos beim Weggeben von Gegenständen. „Ich hänge nur an sehr wenigen Dingen – meist an Sachen, die einen wirklich tiefgehenden emotionalen Wert für mich haben. Der materielle Wert steht an zweiter Stelle.“

Glücklicher durch Minimalismus

Petra lacht und fügt dann hinzu: „Ich weiß, dass das für manche seltsam klingen mag, aber es ist wirklich enorm befreiend, wenn man sein Herz nicht mehr an Materielles hängt. Wenn man nicht mehr durch übertriebenen Konsum vom Geld abhängig ist, hat man eine größere Freiheit, mit seinem Leben zu tun, was man will – auch beruflich.“

2020 05 FINT Artikel Minimalismus Hoch 01 unsplash Rrn Z H Iw T0 Photo by Bruno van der Kraan on Unsplash

Was macht dieses konsumreduzierte Leben mit ihr? „Ich bin glücklicher“, sagt Petra – und klingt dabei sehr überzeugend. Auch Psychologin Friederike Gerstenberg kann bestätigen, dass es vielen Menschen emotional besser geht, wenn sie sich von dem andauernden Konsum-Zwang lösen.

Wenn sich ihre Klientinnen und Klienten für einen minimalistischen Lebensweg entscheiden, dann „kann ich sehen, dass das vor allem sinnstiftende Auswirkungen hat“, erklärt sie. „Sie hören auf, den neuesten Trends nachzulaufen und fangen an, sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren.“

3 Tipps für Minimalismus-Einsteiger

  • Informiere Dich über Minimalismus: Es gibt im Internet tausende Blogs, die sich intensiv damit befassen – auch Petra schreibt zum Beispiel einen, berichtet über ihren minimalistischen Lebensstil (www.minimalismus21.de). Absolute Lese-Empfehlung.
  • Frage Dich: „Brauche ich das wirklich?“.Klingt nach einer einfachen Frage, aber wenn Du sie Dir bei jedem Kauf stellst, bist Du schon einen Schritt weiter – und kaufst vermutlich deutlich weniger als sonst. Geld gespart und unnötige Anschaffung vermieden. Win-Win!
  • Repariere selbst! Ja, nicht jeder ist der geborene Handwerker. Aber einige Kleinigkeiten (Fahrradreifen flicken!) lernt jeder innerhalb von ein paar Minuten. Sorgt dafür, dass Du Geld für eine Reparatur sparst, Deine Dinge länger verwendest – und stolz auf Dich sein kannst.
26.05.2020