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Arbeiten

Am besten scheitern

Steven Spielberg, Bill Gates, Henry Ford: Sie alle erlitten niederschmetternde Rückschläge, bevor sie erfolgreich wurden. Was kann man von ihrem Umgang mit Niederlagen lernen?
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Photo by Austin Neill on Unsplash
27.07.2020

Viele Unternehmer scheitern – und werden dann doch noch richtig erfolgreich. Das liegt daran, dass sie gut mit ihren Rückschlägen umgehen, sagt eine Psychologin.

Der kleine Steven Spielberg hat ein großes Hobby: Filme. Er schaut sie, er dreht sie, er schneidet sie – schon mit gerade 13 Jahren produziert er einen 40-minütigen Kriegsfilm, mit 16 einen 140 Minuten langen Science-Fiction-Streifen, der sogar im lokalen Kino gezeigt wird und alle Kosten (500 Dollar) an einem Abend einspielt.

Als Spielberg dann alt genug ist, bewirbt er sich an einer der berühmtesten Film-Hochschulen der USA: der University of Southern California School of Cinematic Arts. Kurz darauf hat er eine Absage im Briefkasten. Er kann es nicht glauben, bewirbt sich im nächsten Jahr erneut – und bekommt eine weitere Absage: Sie wollen ihn nicht.

Drei Absagen und ein Job als Hilfsarbeiter

Spielberg bewirbt sich wieder, diesmal an der zweiten sehr renommierten Film-Schule des Landes, der University of California. Auch da: Eine Absage. Er ist geschockt – aber gibt nicht auf: Er schreibt sich an einer anderen, durchschnittlichen Uni in der Gegend ein, taucht aber nur zwei Tage pro Woche in den dortigen Vorlesungen auf.

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Die übrige Zeit schmuggelt er sich zunächst heimlich in die Universal Studios in Hollywood, jobbt später dort als einfacher Hilfsarbeiter. Mit dem Geld, das er verdient – und mit einigen Dollar, die er durch Klinkenputzen bei Investoren einsammelt – dreht er dann im Juli 1968 den Kurzfilm „Amblin“ über ein verliebtes Tramper-Pärchen. Der Film ist sein Durchbruch.

Plötzlich: Auszeichnungen und Ehrungen

Von da an ist sein Aufstieg nicht mehr aufzuhalten – heute ist Spielberg einer der berühmtesten Regisseure der Welt. Er hat Klassiker wie „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Schindlers Liste“ oder „Jurassic Park“ gedreht. Auch „Catch me if you can“, die „Indiana Jones“-Reihe und “Die Farbe Lila” gehen auf sein Konto.

Seine Filme wurden für 130 Oscars nominiert, 34 davon gewannen sie. Das Magazin „Empire“ nennt ihn den größten Regisseur aller Zeiten, Präsident Obama verleiht ihm 2015 die Presidential Medal of Freedom für seine Verdienste, die Elite-Uni Harvard gibt ihm eine Ehrendoktorwürde. Kurz: Mehr Erfolg als er kann man kaum haben.

Spielberg ist mit diesem Weg nicht allein

Sein Karriereweg – drei Ablehnungen, Hilfsarbeiter-Job, dann der Durchbruch und schließlich mehrfacher Oscar-Gewinner – ist dabei gar nicht so außergewöhnlich, wie man meinen möchte: Viele sehr erfolgreiche Menschen scheiterten einmal oder gleich mehrmals, bevor sie doch noch aufstiegen.

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Neben Spielberg wäre da etwa Walt Disney: Er wurde als Zeichner von einer Zeitung gefeuert, da er nicht kreativ genug sei. Später ging er mit einem Cartoon-Filmstudio pleite – bevor er Disney gründete und weltweiten Ruhm fand.

Muss man scheitern, um erfolgreich zu werden?

Oder Henry Ford: Er trieb sein erstes Auto-Unternehmen in den Bankrott, stellte nur 20 Fahrzeuge her. Bei seinem zweiten gegründeten Unternehmen überwarf er sich mit den Mitarbeitern, verließ die Firma schon nach nur wenigen Monaten im heftigen Streit – sein dritter Gründungsversuch war dann die Ford Motor Company, die pro Jahr mehr als 5 Millionen Autos absetzt und damit fünftgrößer Autohersteller der Welt ist.

Und sogar Bill Gates musste einen Misserfolg erleben: Er stellte gemeinsam mit einem Freund einen automatischen Verkehrszähler her. Allerdings: Das Gerät funktionierte nicht. Kurz danach wurde auch noch die Verkehrszählung verstaatlicht, es gab also keinen Markt mehr für sein Angebot.

Doch dank des Verkehrszählers lernte Gates das Programmieren, erfand bald darauf Windows – und ist heute der zweitreichste Mann der Welt. Was kann man aus all diesen Lebensläufen folgern? Muss man scheitern, um irgendwann wirklich erfolgreich zu sein? Gehört es dazu, etwas gegen die Wand gefahren zu haben?

Der Umgang mit einer Niederlage ist wichtig

„Ich denke nicht, dass man unbedingt solche Misserfolge wie diese Herren erleiden muss, um erfolgreich zu werden“, sagt die Psychologin Astrid Schütz, die an der Universität Bamberg lehrt und das Kompetenzzentrum für Angewandte Personalpsychologie leitet: „Aber diese Menschen haben trotzdem alle etwas gemeinsam.“

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Sie alle seien gescheitert – und dann damit richtig umgegangen. Es gebe die Menschen, die nach einem Rückschlag alles infrage stellen: ihr Projekt, ihre Fähigkeiten, ihr ganzes Selbst. „Solche Personen haben typischerweise niedrigen Selbstwert und verstehen einen Misserfolg als Scheitern ihrer Person.“

Dann gebe es solche, die sich von einer Niederlage in keiner Weise aus dem Konzept bringen ließen. „Sie sind davon überzeugt, dass ihr Scheitern nicht an ihnen lag, sondern dass die äußeren Umstände oder andere Leute dafür verantwortlich sind.“ Beide Reaktionen seien problematisch.

Mittelweg: Analysieren und daraus lernen

Stattdessen gelte es, einen guten Mittelweg zu finden, so Schütz: „Am besten ist es, wenn man das Scheitern akzeptiert – und dann analysiert, was man daraus lernen kann.“ Woran lag es, dass man gescheitert ist? An zu weniger oder schlechter Vorbereitung? Dann muss man beim nächsten Mal früher beginnen.

An einer Strategie, die so nicht funktioniert hat? Dann braucht man eine andere. Solch eine analytische Herangehensweise ans Scheitern könne man lernen. „Man braucht eine flexible Selbstsicht – dann geht es.“ Und wenn das gelinge, dann könne einen eine Niederlage sogar voranbringen.

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Fehler-Kultur wird populärer

Das Bewusstsein, dass Fehler auch hilfreich sein und Misserfolge bei der eigenen und der beruflichen Entwicklung unterstützend wirken können, werde aktuell immer stärker in Deutschland: „Es wird populärer und akzeptierter, öffentlich zu eigenen Niederlagen zu stehen“, erklärt Schütz.

Tatsächlich finden in vielen Großstädten sogenannte „FuckUp-Nights“ statt, bei denen die Leute ihre schlimmsten Misserfolge vor Publikum vortragen. Zudem werden online immer öfter Lebensläufe geteilt, die aufführen, bei welchen Jobs man abgelehnt oder gefeuert wurde.

„Das ist genau der richtige Weg“, sagt Schütz: „Man muss einer Niederlage ihren Schrecken nehmen und offen mit ihr umgehen, damit man etwas daraus mitnehmen kann. Jeder von uns erleidet Rückschläge – das ist nichts Schlechtes an sich, sofern man sie überwinden und aus ihnen lernen kann.“

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Spielberg: Späte Rache

Aus seinen Niederlagen gelernt hat Steven Spielberg sicherlich, komplett überwunden allerdings wohl nie: Als er schon mehrere Oscars gewonnen und in den Hollywood-Olymp aufgestiegen war, wollte ihm die University of Southern California 1994 die Ehrendoktorwürde verleihen. Spielberg überlegte, dann akzeptierte er – allerdings nur einer Voraussetzung: Auf der Ernennungsurkunde zum Ehrendoktor musste auch diejenige Person unterzeichnen, die ihn damals abgelehnt hatte.

27.07.2020